Nachgefragt | Ein Ordnungsamt komplett daneben

Nachgefragt | Ein Ordnungsamt komplett daneben

Sie kamen an einem Sonntag und sie kamen zu viert. Die Chefin und drei uniformierte Mitarbeiter des Ordnungsamtes rückten in die „Regensburger Wundertüte“ ein, dem Souvenirladen am Eck der Brückstraße zur Keplerstraße, genau gegenüber der Steinernen Brücke. Razzia wegen eines ungeheuerlichen Wettbewerbverstoßes! „Sie haben unser Sortiment genau inspiziert“, sagt Mit-Betreiber Roland Kollert. Und kamen zu dem Ergebnis, dass die „Wundertüte“ zu wenig Regensburg-Artikel anbietet. Bei einem Nachbarn dasselbe. Die Folge: Sonntagsöffnung sofort untersagt! Zwei Devotionalien-Läden in der Nachbarschaft haben überhaupt keine Regensburg-Artikel. Aber sie dürfen sonntags offen haben. Engel, Buddhas oder Gebetsteppiche genießen schließlich eine Sonderregelung.

- Anzeige -
Der Sonntag war ein wichtiger Verkaufstag für die Wundertüte, die schon seit über zwei Jahrzehnten besteht. „15 Prozent unseres Umsatzes haben wir da gemacht“, sagt Kollert der Stadtzeitung. Mit Regensburg- und Bayern-Souvenirs. Doch dann war wo möglich jemandem im Ordnungsamt fad und er schickte die Leute mit Sonntagszuschlag zum Kontrollieren. Die stellten nun bei der Wundertüte und bei einem Geschäft in der Tändlergasse fest, dass dort mehr Bayern-Sachen da waren – ein Skandal!

Und weil die verbeamteten Hilfssheriffs bei der „Regensburger Ladenschlussverordnung“ und der „Verordnung über die Öffnungszeiten für den Verkauf von Reiseandenken und ähnlichen Artikeln in der Stadt Regensburg“ keinen Spaß verstehen, musste die Wundertüte sofort zusperren, dem Nachbarn soll sogar ein Bußgeld von 9.000 Euro angedroht worden sein.

Regensburg ist nicht Bayern!

„Das kapiert doch kein Mensch“, sagt Kollert. „Billige Sachen wie Regensburg-T-Shirts oder ein Frühstücksbrett mit Regensburg-Aufdruck dürfen wir verkaufen, aber wirklich nachhaltige Artikel wie hochwertige Bierkrüge nicht. Es gibt viele Touristen, die etwas Teures, Schönes mitnehmen wollen und für die Regensburg eben dann das Sinnbild Bayerns ist, und die sich bei uns einen Krug mit weiß-blauem Rautenmuster kaufen würden.“ Dürfen sie aber nicht am Sonntag – ätsch!

Freilich könnte man jetzt sagen, aber Regensburg ist doch Bayern und somit gebe es einen Regensburg-Bezug. Aber nein! „Was genau Regensburg-typisch ist, das bestimmt wohl das Ordnungsamt“, schreibt der Kollege vom „Regensburger Wochenblatt“, der als Erster über die Razzia berichtete. Für was gibt es denn diese Verordnung mit dem sperrigen Namen! Jedenfalls: Bayern ist Regensburg offenbar nicht. Und deshalb bleiben die Läden jetzt sonntags zu.

Eine Gängelung sieht Stadtsprecherin Claudia Biermann darin nicht. Sie schreibt: „Diejenigen, die das (…) nicht beachten, verschaffen sich einen nicht gerechtfertigten Vorteil gegenüber allen anderen Ladenbesitzern (Wettbewerbsverzerrung) und schaden somit der Regensburger Geschäftswelt insgesamt.“ Aha.

Buddhas und Engel müssten kommen!

Gar keine Regensburg-Souvenirs bieten übrigens zwei andere Läden in der Nähe der Brücke an. „Einer hat Engelfiguren, der andere Buddhas“, sagt Kollert. Bezug zur Stadt: null! Aber für die Läden gilt ja auch eine andere Regelung. Wenn ein Laden „Devotionalien, dabei ist die Religion unerheblich, frische Früchte, Blumen und Zeitungen“ hat, so Biermann, und zwar „mindestens 50 Prozent, ist eine Öffnung erlaubt.“

Es stehe ja schließlich jedem Betreiber offen, „sein Sortiment an die rechtlichen Vorgaben anzupassen und damit eine Sonntagsöffnung zu ermöglichen“. Heißt im Klartext: Würde sich Kollert nur genügend Ramsch-Plastikengel oder Blechbuddhas in den Laden stellen, dürfte er auch all seine Keferloher wieder verkaufen, und es wäre vollkommen wurscht, ob die aus Regensburg, aus Bayern oder gar aus chinesischer Massenproduktion stammen. Das muss wahrlich kein Mensch verstehen. Es lebe die Verordnung über die Öffnungszeiten für den Verkauf von Reiseandenken und ähnlichen Artikeln in der Stadt Regensburg!

Nach 25 Jahren: Aus für Bier und Currywurst?

Offen haben dürfen an Sonntagen übrigens auch Geschäfte in Bahnhöfen, sofern sie, so heißt es im Ladenschlussgesetz, „dem Reiseverkehr dienen“. Beispielsweise also auch ein Discounter im Hauptbahnhof. Dass der sonntags nebenbei Spülmittel, Bettwäsche, Deko-Artikel, Kerzen, Schnaps und Teppiche verkauft, die jetzt nicht unbedingt mit einer Reise was zu tun haben müssen, stört das Ordnungsamt nicht. Und ob es sich bei den Kunden wirklich um Reisende handelt, wird erst recht nicht kontrolliert. Denn eine Überprüfung dort, so weiß die Stadtsprecherin, „wäre nicht zielführend. Maßgeblich ist, dass Reisebedarf angeboten wird.“ Nicht maßgeblich ist in den Souvenirläden übrigens, dass Regensburg-Andenken angeboten werden. Für manche interessiert sich das Ordnungsamt eben mehr.

Wie zum Beispiel auch für eine Tankstelle im Stadtosten, die seit 25 Jahren von einer Jahn-Legende betrieben wird. Auch dort tauchten die Retter von Gesetz und Ordnung auf. Der Ex-Fußballer will zur Stadtzeitung noch nichts sagen, weil er sich gegen das Vorgehen des Ordnungsamtes zur Wehr setzt. Doch nach RSZ-Informationen standen an einem Sonntagvormittag drei Feuerwehrleute in der Tankstelle, tranken nach ihrer Nachtschicht ein Bier. Einer von ihnen muss wohl die Unverfrorenheit besessen haben, auch noch eine Currywurst zu verzehren.

Die soll er auf Geheiß eines Kontrolleurs praktisch wieder aus dem Mund ziehen haben müssen. Dem Tankstellenbetreiber, der seine Currywurst und Bier schon seit Jahrzehnten verkaufen soll, sollen Konsequenzen angekündigt worden sein.

Schnaps und Schnaps sind zweierlei

Was in der Tankstelle passiert ist, will auch Stadtsprecherin Biermann nicht sagen, sie flüchtet sich in die Floskel des „laufenden Verfahrens“, bei dem „aufgrund des Datenschutzes leider derzeit keine weiteren Aussagen“ gemacht werden könnten. Auslöser der Kontrolle seien aber „umfangreiche Beschwerden von Anwohnern und Polizei wegen Alkoholkonsums vor Ort mit entsprechenden Begleiterscheinungen“ gewesen.

Wo wir doch glatt wieder beim Hauptbahnhof wären! Die dortige Trinkerszene ist auch der Stadt bestens bekannt. Und sie hält auffallend oft genau die Billig-Bierflaschen in der Hand, die in dem Discounter zehn Meter weiter angeboten werden. Das muss ein absoluter Zufall sein, denn Stadtfrau Biermann weiß ganz genau: Der Alkohol, der dort „konsumiert wird, wird […] nicht nur im Discounter des Hauptbahnhofes erworben“.

Aber eine Kontrolle dort wäre ja – genau, „nicht zielführend“. Wahrscheinlich würde der Kommunale Ordnungsservice erst dann dort aufschlagen, wenn die Säufer vom Bahnhof aus einem Bierkrug trinken würden, der keinen Regensburg-Bezug hat. Denn, so Stadtstimme Biermann: „Die gesetzlichen Vorgaben gelten für alle.“

- Anzeige -

Wirklich? Statt gegen Steuern zahlende Leistungsträger der Gesellschaft vorzugehen, sollte sich das Ordnungsamt vielleicht mal z.B. nachts das Gesindel in der Fürst-Anselm-Allee vorknöpfen. Der Bereich – ganz in Bahnhofsnähe – wird nämlich mehr und mehr zur rechtsfreien Zone. Alkohol, Drogen, Gewalt. Doch dorthin, so mutmaßen einige Stadtzeitungsleser nach der aufsehenerregenden „Wochenblatt“-Berichterstattung am Telefon, trauen sich die Ordnungshüter wohl nicht rein. Sonntags brave Bürger schikanieren erscheint da doch irgendwie deutlich risikoärmer. (ssm/hk/ct)

 


 

Die „Nachgefragt“-Reihe

Bildunterschrift

Das verstehe, wer mag. Den linken Bierkrug dürfte „Wundertüte“-Mitarbeiterin Andrea Schlett (25) sonntags verkaufen, weil er den Schriftzug „Regensburg“ trägt. Den rechten mit dem Bayernwappen und dem Löwen aber nicht. Einfach nur zum Lachen!

Könnte Sie auch interessieren

  • gepostet am: Freitag, 05. Oktober 2018

Magazin weitere Artikel

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Spannend wird es jetzt nochmal bei der OB-Wahl: Zwar hat Astrid Freudenstein die erste Runde mit knapp 30 % klar für sich entschieden, während die provisorische Amtsinhaberin Gertrud Maltz-Schwarzfischer lediglich knapp 23 % der Wählerinnen und Wähler für sich begeistern konnte.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Wer hält auch während der Krise die Stellung direkt am Menschen und hilft so mit, sie zu meistern? Die Stadtzeitung besuchte stille Helden in und um Regensburg an ihrem Arbeitsplatz. Eine Momentaufnahme.

>> weiterlesen

Corona-Bußgeldkatalog

Corona-Bußgeldkatalog

Das bayerische Gesundheitsministerium hat am 27.03. einen Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus erlassen.

>> weiterlesen

Coronavirus: Ausgangssperre in Bayern

Coronavirus: Ausgangssperre in Bayern

20.03.: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder kündigt die Ausgangsbeschränkung in Bayern an.

>> weiterlesen

In & Out | April 2020

In & Out | April 2020

Die In-&-Out-Liste der RSZ gefährdet Ihre Gesundheit! Meiden Sie Wertungen mit satirischem Inhalt – Sie könnten ihn womöglich nicht erkennen! Magenbeschwerden und Zornausbrüche sind die unvermeidbare Folge!

>> weiterlesen

Das Coronavirus in Bayern – aktuell

Das Coronavirus in Bayern – aktuell

27.03. Das bayerische Gesundheitsministerium erlässt einen Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Die Corona-Pandemie ist nun auch in Deutschland angekommen. Wie gehen Ämter, Organisationen und Konzerne damit um? Wie schützen sie ihre Mitarbeiter, wie ihre Kunden? Die RSZ hat nachgefragt.

>> weiterlesen

Tipps und Tricks | Hygiene im Auto

Wer allein im Auto sitzt, hat ein sehr geringes Infektionsrisiko. Aber was ist beim Tanken oder beim Einkaufen?

>> weiterlesen

„Notfallplan Corona-Pandemie“ für Krankenhäuser in Bayern

„Notfallplan Corona-Pandemie“ für Krankenhäuser in Bayern

Seit dem 27.03. gibt es in den 26 bayerischen Leitstellenbereichen sogenannte „Ärztliche Leiter“, die die Verlegung von Patienten zwischen den Krankenhäusern steuern sollen.

>> weiterlesen

Nachgefragt weitere Artikel

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Spannend wird es jetzt nochmal bei der OB-Wahl: Zwar hat Astrid Freudenstein die erste Runde mit knapp 30 % klar für sich entschieden, während die provisorische Amtsinhaberin Gertrud Maltz-Schwarzfischer lediglich knapp 23 % der Wählerinnen und Wähler für sich begeistern konnte.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Wer hält auch während der Krise die Stellung direkt am Menschen und hilft so mit, sie zu meistern? Die Stadtzeitung besuchte stille Helden in und um Regensburg an ihrem Arbeitsplatz. Eine Momentaufnahme.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Die Corona-Pandemie ist nun auch in Deutschland angekommen. Wie gehen Ämter, Organisationen und Konzerne damit um? Wie schützen sie ihre Mitarbeiter, wie ihre Kunden? Die RSZ hat nachgefragt.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Darum brauchen wir die Dorfwirtshäuser!

Die Zahlen sind erschreckend: In den letzten 25 Jahren hat über ein Drittel der Dorfwirtshäuser für immer zugesperrt! Dabei ist doch das Wirtshaus Kulturgut oberster Kategorie und fest verwurzelt in der bayerischen Tradition!

>> weiterlesen

Nachgefragt | Günter Krempl: Der Künstler im Fenster

Nachgefragt | Günter Krempl: Der Künstler im Fenster

Günter Krempl ist ein Mann von hier. Zwar in Österreich geboren, doch seit dem ersten Lebensjahr Regensburger durch und durch. Mit sanfter Stimme, immer freundlichem Ausdruck und seinem Regensburger Akzent stellt er sich dem Interview der RSZ.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Endlich Wahlen! – die Kommunalwahl in Regensburg

Nachgefragt | Endlich Wahlen! – die Kommunalwahl in Regensburg

Am 15. März 2020 werden in Regensburg der Stadtrat und der Oberbürgermeister neu gewählt / Nach drei Jahren könnte die Stadt endlich wieder eine echte Führungsspitze haben / Die Stadtzeitung zeigt, wer mit wem Mehrheiten bilden könnte

>> weiterlesen

Nachgefragt | Regensburger Jahresausblick – das kommt 2020 auf uns zu

Nachgefragt | Regensburger Jahresausblick – das kommt 2020 auf uns zu

Es gibt ein paar Dinge, die sind in Regensburg jedes Jahr gleich und doch immer wieder schön. Doch dann gibt es auch Ereignisse, die ein Jahr ganz speziell machen. So auch das Jahr 2020. Die Stadtzeitung nennt beim Namen, was in den nächsten zwölf Monaten so auf uns zukommt.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Krachen bis zum Gehtnichtmehr?

Nachgefragt | Krachen bis zum Gehtnichtmehr?

Was in anderen Städten üblich ist, ist in Regensburg angeblich nicht durchsetzbar: Silvester wird es weiterhin kein Verbot für Böller geben / Stadt hofft auf freiwilligen Verzicht

>> weiterlesen

Nachgefragt | Erich Gohl: Was schiefgeht, hängt nicht

Nachgefragt | Erich Gohl: Was schiefgeht, hängt nicht

Erich Gohl wurde 60 – rund um die Uhr schafft er es zwar nicht mehr, aber den Kampf, den ihm seine Kunst bedeutet, hat er noch nicht aufgegeben.

>> weiterlesen

© Regensburger Stadtzeitung