Nachgefragt | Der stille Tod der Regensburger Altstadt

Nachgefragt | Der stille Tod der Regensburger Altstadt

Bildunterschrift: Leere Schaufenster – leider kein seltener Anblick mehr in der Altstadt.

 

In der Altstadt häufen sich die Geschäftsleerstände. Ende des Jahres zieht das Modeunternehmen Zara in die Arcaden – für den Geschäftsstandort Altstadt katastrophal. Diese Entwicklung zeichnet sich jedoch schon seit längerer Zeit ab. Straßensperren und Staus erschweren potenziellen Kunden den Zugang zum Stadtkern, Parkplätze sind Mangelware. Das Fahrrad wird wichtiger. Auf dieses Verkehrsmittel kann sich jedoch nur der verlassen, der nahe genug wohnt. Macht jede Straßensperre Sinn? Wird die Altstadt zu Tode verwaltet? Und was tut der Altstadt-Kümmerer, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Wir haben nachgefragt.



Der neue Kümmerer: Stefan Bergmann

11 Seit August 2021 im Amt: Altstadtkümmerer Stephan Bergmann. (© Stadt Regensburg / Bilddokumentation / Stefan Effenhauser)

Nach längerer Vakanz (Kummer mit der Kümmererin: Frisch gekürte Altstadtbeleberin schmeißt schon vor Dienstantritt hin!, RSZ Nr 03/2021) hat Regensburg mit Stephan Bergmann wieder einen neuen Altstadt-Kümmerer. Man hört wenig von ihm. Was tut er eigentlich den ganzen Tag? Er beschreibt seinen Arbeitsalltag – ganz linientreu auf Genderkurs – so: „Es gibt aufgrund der großen Anzahl an Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern sowie Themen und Aufgaben keinen gewöhnlichen Arbeitstag. Ich bin nahezu jeden Tag in der Altstadt unterwegs, um u.a. Beratungsgespräche mit den Gewerbetreibenden, Immobilienbesitzer*innen oder anderen Akteur*innen zu führen.“

Kein Geschäftsschwund in der Altstadt?

Zum Umzug des Textilunternehmens Zara äußert sich der Kümmerer schmallippig: „Jedes Unternehmen entscheidet aufgrund einer Vielzahl an Faktoren, welcher Standort der geeignete ist. Ich kann aus der Schließung einer Filiale aus unternehmerischen Gründen keinen ‚Geschäftsschwund in der Altstadt‘ ableiten.“

Kümmerer will Altstadt zukunftssicher aufstellen

Wie genau kümmert er sich um die Altstadt? Er schreibt: „Wir arbeiten für eine positive Entwicklung der Altstadt und stärken die Rahmenbedingungen, so unterstützen wir bspw. Immobilienbesitzerinnen und -besitzer sowie Gewerbetreibende bei der Suche nach einer geeigneten Geschäftsfläche bzw. der passenden Mietinteressentin; wir werden die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum mit dem Ziel weiter ausbauen, wieder mehr Menschen für einen Besuch unserer historischen Altstadt zu begeistern, die das Einkaufen zu einem unverwechselbaren Erlebnis machen.“ Er fährt fort: „Wir unternehmen alles aus unserer Sicht Mögliche, um den Standort Altstadt zukunftssicher aufzustellen und sowohl für Betriebe als auch für Kundinnen und Kunden attraktiv zu gestalten. Um zeitnah viele Maßnahmen umsetzen zu können, haben wir uns erfolgreich über Förderprogramme Gelder für Investitionen in die Altstadt sichern können.“

Altstadt gut zu erreichen?

Die Verkehrssituation um die Altstadt kommentiert Bergmann etwas schöngefärbt so: „Die Altstadt ist gut mit dem Auto, per Fahrrad und mit dem ÖPNV zu erreichen. Die Parkhäuser und -plätze in fußläufiger Distanz zu den Geschäftslagen sind dank eines modernen Wegeleitsystems gut auffindbar. Temporäre Umleitungen im Rahmen von Baumaßnahmen werden frühzeitig kommuniziert und die Anfahrbarkeit von Parkhäusern entsprechend ausgeschildert.“

Altstadt für Außerhalbwohnende unattraktiv

11 Armin Gebhard vom Regensburger Kaufleute e.V. (© A. Ellermeier)

Armin Gebhard ist als Chef von Gebhard Herrenausstatter und Gebhard Trachten mit dem wirtschaftlichen Gefüge der Altstadt gut vertraut; ferner ist er Gründungsmitglied des Regensburger Kaufleute e.V. Wir sprechen ihn ebenfalls auf Zara an. Er wird deutlich: „Die Arcaden stehen vermutlich ebenso unter Druck wie die Altstadt. Ich gehe davon aus, dass Zara ein unmoralisches Angebot bezüglich Mietpreis bekommen hat. Der Geschäftsschwund im Bereich Facheinzelhandel hat sicher am meisten mit dem geänderten Einkaufsverhalten der Bevölkerung zu tun. Amazon und Co. haben das Rennen schon längst gewonnen. Jetzt kam Corona, die starke Inflation, die ständigen Demonstrationen und die Parkplatz- und Straßensperrungen noch hinzu. Grundsätzlich bin ich ein Naturliebhaber und fahre selbst täglich mit dem Fahrrad. Mein Vorteil ist, dass ich in der Altstadt wohne. Für Menschen die außerhalb leben und auf das Auto angewiesen sind, wird die Altstadt immer unattraktiver. Als die Parkplätze auf dem Donaumarkt weggefallen sind, haben wir Kaufleute dies unmittelbar an der Anzahl der kaufenden Kunden gemerkt. All das führt zu Geschäftsschwund!“

„Die Verwaltung kümmert sich um sich selbst“

Was aber könnte man tun? Er meint: „Um die Umsätze der Händler wieder zu steigern, benötigt es Kunden in der Altstadt. Da viele Verbraucher aus dem Umland nicht mehr bereit sind, ihre Einkäufe in der Altstadt zu tätigen, müssen andere Kunden gefunden werden, und dies ist aus meiner Sicht nur durch eine gewaltige Werbekampagne zu schaffen. Es sollten Werbefilme und Radiospots in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz ausgestrahlt werden. Die österreichischen Skiorte machen es uns täglich im Radio und Fernsehen vor. Durch so eine Kampagne wären die Hotels in Regensburg in Kürze ausgebucht.“ Gebhard fährt fort: „Für anständige Werbemaßnahmen ist jedoch kein Budget vorhanden. Die Verwaltung kümmert sich um sich selbst. Die kürzlich zugesagten 3,9 Millionen Euro der EU werden für wenig dienliche Maßnahmen verwendet, z.B. Smarte Mülltonnen …“

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Zara als Kundenmagnet

11 Kathrin Fuchshuber vom Hotel Münchner Hof.

Kathrin Fuchshuber betreibt das Hotel Münchner Hof und kennt sich in der Altstadt aus. Sie ist CSU-Stadträtin und engagiert sich in verschiedenen Vereinen und Organisationen wie dem Hotels-in-Regensburg e.V., dem Regensburger Kaufleute e.V., der IHK Regensburg, dem Stadtmarketing Regensburg, der Regensburger Tourismus GmbH und der Alten Mälze. Wir fragen: Warum ist Zara in die Arcaden umgezogen? Fuchshuber kommentiert: „Die Antwort ist einfach: Die Strategie von Zara ist, an den frequentiertesten Standort zu gehen und auf Werbung zu verzichten. Wenn also Zara den Neupfarrplatz verlässt, weiß man, was los ist. Zusätzlich ist eine internationale Markenkette ein Kundenmagnet. Für die Arcaden und Zara also eine Win-win-Situation.“

„Die Altstadt war ein Selbstläufer“

Warum hat die Stadt nichts gegen den Geschäftsschwund in der Altstadt unternommen? Sie erwidert: „Die Altstadt war ein Selbstläufer, da musste man sich nicht kümmern. Deshalb hat sich hier wirklich niemand mit zukunftsfähigen Konzepten beschäftigt. Der Druck, aktiv zu werden, kam ausschließlich von den Wirtschaftsverbänden. Jetzt hat die Politik das Dilemma zumindest erkannt und versucht, mit vielen Einzelmaßnahmen zu helfen. Was wir aber brauchen, ist ein Gesamtkonzept, eine Strategie für die ganze Stadt. Auch hier kommt unglaublich viel Initiative von den Wirtschaftstreibenden in der Altstadt. Momentan geben wir Geld für wenig bis keinen Erfolg aus. Das ist aus meiner Sicht ein echtes Drama. Wir haben gute und auch kreative Köpfe in der Verwaltung, aber wenn der politische Wille fehlt oder es zu keinem Konsens kommt, Dinge durchzusetzen oder aber zu fordern, kann oder aber muss die Verwaltung nicht viel machen.“

Best Ager schon vergrault

Wie ist die Verkehrssituation um die Altstadt zu beurteilen? Fuchshuber führt aus: „So kann es nicht weitergehen – überhaupt nicht. Wir brauchen die Mobilitätsdrehscheibe am alten Eisstadion in ihrer vollen Funktion, nicht ein zusammengenageltes Parkhaus. Es könnte tatsächlich so etwas wie die Lösung für die Altstadt werden. Ein visionärer Zukunftsbau als Kontrast zur Altstadt. Die Zukunft hat begonnen, aber wir arbeiten immer noch Konzepte ab, die 30 Jahre alt sind. Denn vor lauter Klimapolitik vergessen wir die Menschen, die die Altstadt am Leben erhalten – die Best Ager. Diese kaufkräftige Zielgruppe, die gerne unsere Altstadt besuchen würde, haben wir zum Großteil schon vergrault. Und: Diese Personen werden wir nicht in den Bus oder aufs Rad zwingen, die weichen dann eben auf andere Standorte und Angebote aus.“

Knapp 4 Mio. Fördergelder

Den Altstadt-Kümmerer Stefan Bergmann nimmt man kaum wahr. Wie geht er gegen die Altstadtkrise vor? Fuchshuber entgegnet: „Herr Bergmann hat auch nicht die Aufgabe, bekannt zu sein. Wir in der Altstadt kennen ihn. Er war bei mir im Hotel und hat sich die Sorgen und Nöte unserer Branche angehört. Es wurden jetzt zum Beispiel von seinem Referat knapp 4 Mio. Fördergelder zur Unterstützung der Altstadt vom Freistaat genehmigt. Hierzu wurde ein 37-Punkte-Plan erarbeitet. Jetzt können wir ihn und das Referat an den Taten messen, denn das Geld muss bis Ende 2023 ausgegeben sein.“

Konzept für die Altstadt muss her!

Was sollte man tun? Sie erklärt: „Wir brauchen eine griffige Vision für die Altstadt und zwar JETZT. EIN Konzept, EIN Wording, nach dem sich die Altstadt und die zu treffenden Entscheidungen ausrichten. Wo wollen wir hin? Für was stehen wir in 20 bis 30 Jahren? Immer noch nur Weltkulturerbe? Stadt der Kramer- und Handwerker? Reine Touristenstadt à la Disneyland? Die Stadt eine einzige Eventlocation für wilde Partys? Sollen wir eine städtebauliche Vorreiterrolle für Zukunftsvisionen einnehmen? Die Altstadt braucht mehr als einen Altstadt-Kümmerer: Wir brauchen alle Referate, die untereinander vernetzt sind, die nicht von oben nach unten arbeiten, sondern auch quer. Wir bräuchten ein komplettes Umdenken von Verwaltungsstrukturen, um schnelleren, effektiveren und kreativeren Output zu bekommen.“

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Fazit

Die Abwerbung des Textilriesen Zara durch die Arcaden ist Symptom des allmählichen Siechtums der Regensburger Altstadt. Noch nie zuvor waren die strukturellen Schwächen des Stadtkerns so offenbar wie jetzt. Abliefern müssen jetzt die Stadt und ihr Kümmerer. Die Geschäfte kümmern sich schon seit Jahren. (lnw)

 

5 ZaraEnde des Jahres wird das Modegeschäft Zara den Neupfarrplatz verlassen.
© Lukas N. Wuttke

 


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