Bürger, wehrt Euch! | Und sie schämen sich doch!

Bürger, wehrt Euch! | Und sie schämen sich doch!

Bildunterschrift: Ein Ober serviert das Bier an den Freisitzen beim Rathaus. Das sollte es so nicht mehr geben – doch dann ruderte die Stadt zurück.

 

Die Stadtverwaltung schließt geschmackvolle Freisitze vor dem Hofbräuhaus, weil sie den Richtlinien fürs Weltkulturerbe nicht entsprechen sollen. Dann aber rudert sie hektisch zurück. Teil II der Serie „Bürger, wehrt Euch!“

Das hätte sich der Weltmeister im Leuteschlichten niemals träumen lassen. Seit Hans Schafbauer mit seiner Frau Gertie zum 1. Juni 1988 das Regensburger Hofbräuhaus übernommen hatte, ließ er alle Gäste wissen, dass es dort „lauter scheene Plätz“ gibt und nie etwas anderes. Doch 16 dieser schönen Plätze im HB, das seit ein paar Jahren vom jüngeren Schafbauer-Sohn Thomas und dessen Ehefrau Karin geführt wird, sollten jetzt weg. Weil bei einer Überprüfung zum Bürgerfest womöglich einem spaßbefreiten Bürohengst in der Stadtverwaltung nach Jahrzehnten die Freisitze vor dem wohl schönsten Wirtshaus der Stadt nicht mehr gefielen. Nach Stadtzeitungsinformationen sollen sie angeblich zu sehr an einen Biergarten erinnern.

- Anzeige -
Früher waren die vier Tische und die jeweils vier Stühle dazu mit herrlichem Blick auf das Rathaus und den Historischen Reichssaal grün gehalten, vor einigen Jahren sind sie ausgetauscht worden. Edles, dunkelbraunes Holz stand nun vor dem Eingang. Einen hohen dreistelligen Betrag zahlten die Schafbauers Jahr für Jahr dafür an die Stadt. Auch heuer und weit vor dem Fälligkeitsdatum. Alles war gut.

Bis zum letzten Dienstag im Mai. Da läutete im Hofbräuhaus vormittags das Telefon. Ein besonders findiger Mitarbeiter der Stadtkämmerei wollte wissen, ob das Hofbräuhaus überhaupt eine Genehmigung für die Freisitze habe. Freilich, antworteten die Schafbauers und verwiesen auf den Gebührenbescheid, den die Stadt eben jedes Jahr schickt. Dann wollte es der Bürokrat aber genau wissen: Ein Foto von den Tischen und Stühlen forderte er an. Das bekam er dann auch.

Vier Stunden später und nach wahrscheinlich akribischster Untersuchung des Fotos im Amt kam ein Mail. Inhalt: „Wir dürfen diese Bestuhlung nicht mehr offenhalten, müssen sie sofort schließen. Sie entspricht nicht mehr den optischen Gestaltungsrichtlinien“, erzählt Karin Schafbauer am Stadtzeitungstelefon. „Was genau daran falsch ist, weiß ich nicht. Dass wir keine Sonnenschirme mit HB-Werbung beim Rathaus aufstellen, ist klar, aber was ist an unseren Holzklapptischen und Stühlen verkehrt?“

Den Wirten jedenfalls blieb nicht viel übrig. Sie teilten ihren Gästen im Internet mit: „Leider wurde uns heute überraschend unsere bezahlte Freisitzfläche gesperrt, da unsere Bestuhlung den städtischen Gestaltungsrichtlinien nicht mehr entspricht. Wir bedauern das sehr. An Christi Himmelfahrt wird die Sonne scheinen, aber die Stühle beim Hofbräuhaus bleiben vorerst abgesperrt.“

Stadt liefert eine Peinlichkeit nach der anderen

Da mokiert sich also eine Verwaltung über Freisitze, für die sie jahrelang Geld kassierte, wegen des Erscheinungsbildes – das aber eine überwältigende Mehrheit als ansprechend und als der bayerischen Kultur und Tradition entsprechend empfindet. Es mokiert sich eben genau jene Verwaltung, die die Totalverschandelung der Steinernen Brücke veranlasste, beim Wohnungsbau nur noch weiße Einheitsquader durchwinkt, die Maximilianstraße so aussehen lässt, wie sie aussieht, in der Altstadt billige Sperrholzmonster aufstellen lässt und am ohnehin öden Dachauplatz einen komischen Kiosk installiert, der noch im besten Falle an ein Playmobil-Klohäuserl erinnert! Peinlich – und Fremdschämen ist wohl der richtige Ausdruck für das, was einen dabei überkommt.

Und es mokiert sich die Verwaltung, die offenbar in einem großen Missverständnis lebt und die ganz offensichtlich einer Fehleinschätzung ihrer Aufgabe unterliegt: Statt die Regensburger und ihre liebgewonnenen Betriebe zu drangsalieren, sollte sie sie unterstützen und nach guten Lösungen suchen. Die zunächst vom Amt angeordnete sofortige Schließung der Außensitze ist bestimmt keine, sie kann nur als Schikane empfunden werden. Von den hochwertigen Sitzen ging bestimmt keine Gefahr aus, die sofort hätte unterbunden werden müssen. Selbst wenn eine kaum nachvollziehbare Gestaltungsrichtlinie vorliegt, hätte den Schafbauers wenigstens eine Frist eingeräumt werden können, die Sitze auszutauschen. Zumal die Verwaltung ja für diese Sitze nur zu gerne Tausende von Euro über die Jahre verteilt kassiert hatte.

Eindeutige Reaktionen sorgen für Rückzieher

Dann berichtete die „Mittelbayerische Zeitung“ über diesen Schildbürgerstreich und die Reaktionen auf die unverständliche Aktion der Stadt waren eindeutig, viele Regensburger reagierten mit deutlichen Kommentaren. Neben zum Teil deftigen Unmutsbekundungen hieß es u. a. :

  • „Unglaublich! Macht Spaß, den Altstadt-Betrieben das Leben einfach noch schwerer zu machen. Die Stühle stören keinen Menschen. Sie stören auch keinesfalls das Altstadtbild. Und überhaupt: Wer entscheidet denn über den Geschmack? Da geht einem doch der Hut hoch.“
  • „Bayerische Kultur und Tradition entsprechen also nicht mehr den Gestaltungsrichtlinien?“
  • „Das ist lächerlich und peinlich, was für Leute sitzen da? Die wissen hoffentlich, dass sie von Steuergeldern bezahlt werden.“

- Anzeige -

Als dann auch mehrere Medien wie die Stadtzeitung das Thema aufgriffen, gab es innerhalb der Stadtverwaltung plötzlich höchste Aufregung – und ein Umdenken. Offenbar hatte man erst jetzt erkannt, dass das Vorpreschen der Stadtkämmerei doch zu nassforsch und peinlich war. Jetzt dürfen die schönen Stühle und Tische vorerst doch bleiben. Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra: „Die Stadt Regensburg wird mit den jetzigen Betreiber eine Lösung finden und zeitnah Gespräche über die Art der Bestuhlung führen.“

Karin Schafbauer fürchtet aber um die einzigartigen Bleikristallfenster: „Wenn wir keine Klapptische mehr verwenden dürfen, müssen wir Tische und Stühle draußen anketten. Die Ketten sind zum einen bestimmt kein schöner Anblick, zum anderen dauert es vielleicht nicht lang, bis da jemand draufsteigt und uns die Scheiben zerdeppert.“ Ein Stück Kulturgut wäre unwiederbringlich zerstört.

Was das Erscheinungsbild anbelangt: Vielleicht sollte die Stadtverwaltung einmal ihr eigenes desaströses überprüfen. Und sich für manchen ihrer Vorstöße – selbst wenn sie sie korrigiert – einfach nur schämen. (ssm)

Hofbrauhaus Bild 2

Das beeindruckende Hofbräuhaus mit seinen Tischen davor. Die Stadt störte dieser herrliche Anblick.

 

Führungslose Verwaltung, peinliche Richtlinien, Grün kaputt – haben Sie ähnliche Erfahrungen? Schreiben Sie uns, Stichwort: „Bürger, wehrt Euch!“ (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder über das Kontaktformular). Immer mehr Zuschriften erreichen uns! Wir bleiben dran!

Teil II der Serie „Bürger, wehrt Euch!“

Könnte Sie auch interessieren

Magazin weitere Artikel

VW-Flüchtlingshilfe übergibt Transporter an Sea-Eye

VW-Flüchtlingshilfe übergibt Transporter an Sea-Eye

Die Übergabe des Fahrzeuges zurück an Sea-Eye erfolgte Ende Juni im Autohaus West, in Anwesenheit der Oberbürgermeisterin.

>> weiterlesen

In & Out | Juli 2020

In & Out | Juli 2020

Die In-&-Out-Liste der RSZ gefährdet Ihre Gesundheit! Meiden Sie Wertungen mit satirischem Inhalt – Sie könnten ihn womöglich nicht erkennen! Magenbeschwerden und Zornausbrüche sind die unvermeidbare Folge!

>> weiterlesen

Nachgefragt | Nach dem Urteil im Wolbergsprozess: Endlich Vorbei! Oder doch nicht?

Nachgefragt | Nach dem Urteil im Wolbergsprozess: Endlich Vorbei! Oder doch nicht?

Fast vier quälend lange Jahre hat die sog. Wolbergs Korruptionsaffäre Regensburg in Atem gehalten. Am Schluss gab es einen Schuldspruch. Das Urteil: ein Jahr Haft auf Bewährung.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Wochenende am Bismarckplatz – eine Momentaufnahme

Nachgefragt | Wochenende am Bismarckplatz – eine Momentaufnahme

22 Uhr: Der gesamte Platz ist nun voll von Sitzenden – und es werden immer noch mehr Menschen. Keiner will die Atmosphäre dieses Regensburger Hotspots missen. Auch nicht in Coronazeiten. Denn es ist Sommer.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Werden die Scheidungen ansteigen? – Lockdown und Psyche

Nachgefragt | Werden die Scheidungen ansteigen? – Lockdown und Psyche

Veränderter Alltag, wirtschaftliche Existenzängste, Stress – wie hat sich der Lockdown auf uns ausgewirkt? Die Stadtzeitung hat nachgefragt.

>> weiterlesen

Roadmap ins Studium

Roadmap ins Studium

Kaum hat man als Schülerin oder Schüler alle Prüfungen hinter sich und das Abitur in der Tasche, kommen schon wieder drängende Fragen auf einen zu.

>> weiterlesen

Neue Rollen in der Pflege

Neue Rollen in der Pflege

Die Zunahme hochinvasiver und spezialisierter Behandlungsverfahren und der damit verbundene erhöhte Pflege- und Überwachungsbedarf der betroffenen Patienten sind wesentliche Herausforderungen des UKR.

>> weiterlesen

REWAG warnt vor Uunseriösen Anrufen

Bewohner in Regensburg erhalten aktuell  Anrufe einer ‎Firma, die sich als REWAG ‎ausgibt.

>> weiterlesen

Positive Ergebnisse bei Gentherapie

Positive Ergebnisse bei Gentherapie

Bereits Ende 2019 konnten erste Erfolge bei der Behandlung von Beta-Thalassämie-Patienten mit dem CRISPR/Cas9-Verfahren am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) erzielt werden.

>> weiterlesen

Bürger, wehrt euch! weitere Artikel

Bürger, wehrt Euch! | Regensburg vor einer Schicksalswahl: Wer kriegt die Stadt endlich wieder in den Griff?

Bürger, wehrt Euch! | Regensburg vor einer Schicksalswahl: Wer kriegt die Stadt endlich wieder in den Griff?

Die Verwaltung zeigt an einem Grab am Dreifaltigkeitsbergfriedhof einmal mehr, dass sie sich in weiten Teilen vom Dienstleister für die Bürger zu dessen Drangsalierer gewandelt hat / Zahlreiche andere Beispiele für mangelnde Bürgernähe, seit eine tatsächliche Stadtspitze fehlt / Hoffnung liegt bei der Koalition der Mitte

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Der Bürger will mitreden

Bürger, wehrt Euch! | Der Bürger will mitreden

Das Freiflächenentwicklungskonzept befasst sich mit den unversiegelten Flächen in Regensburg, also Grünflächen. Bei dieser Entscheidung will der Bürger nicht außen vor gelassen werden.

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Gehört die Stadt den Radl-Rambos?

Bürger, wehrt Euch! | Gehört die Stadt den Radl-Rambos?

Regensburg will Fahrradstadt werden, es gibt dabei viele gute Ideen. Doch leider auch noch immer rücksichtslose Radler. Besonders in den Fußgängerzonen beschweren sich Passanten.

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Die Stadt mal wieder voll daneben

Bürger, wehrt Euch! | Die Stadt mal wieder voll daneben

Ach, unsere Stadtverwaltung! Immer wieder blamiert sie sich, so gut es geht! Und jetzt hat die offensichtlich vollkommen führungslose Verwaltung noch eins, besser gesagt zwei draufgesetzt! Teil IV der Serie.

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Wirbel um neue Taxi-App

Bürger, wehrt Euch! | Wirbel um neue Taxi-App

Kunden beschweren sich, weil die Onlinebestellung nicht funktioniert. Fahrer sehen Fehler in der Zentrale, die will aber von Schwierigkeiten nichts wissen. Teil III der Serie „Bürger, wehrt Euch!“

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Und sie schämen sich doch!

Bürger, wehrt Euch! | Und sie schämen sich doch!

Die Stadtverwaltung schließt geschmackvolle Freisitze vor dem Hofbräuhaus, weil sie den Richtlinien fürs Weltkulturerbe nicht entsprechen sollen. Dann aber rudert sie hektisch zurück. Teil II der Serie „Bürger, wehrt Euch!“

>> weiterlesen

Bürger, wehrt Euch! | Grün kaputt in Kumpfmühl

Bürger, wehrt Euch! | Grün kaputt in Kumpfmühl

„Ein kleines Natur-, Vogel- und Bienenparadies [wurde] zerstört“, schreibt unsere Leserin. Die Antworten der Stadt sind mehr schlecht als recht. Im Rahmen der Aktion „Bürger, wehrt Euch!“ sind wir der Sache auf den Grund gegangen. Teil I der Serie.

>> weiterlesen

© Regensburger Stadtzeitung