Nachgefragt | Faule Tricks mit unseren Bäumen – kommt Stadthalle über die Hintertür?

Nachgefragt | Faule Tricks mit unseren Bäumen – kommt Stadthalle über die Hintertür?

Sie haben es wirklich getan. Am 18. Februar 2019 rückten Männer mit Kettensägen an und fällten die ersten von zwölf Bäumen rund um das Keplerareal. Stadt und Freistaat hatten die Aktion vorher genehmigt. Die Bäume mussten sterben, weil sie beim Abriss des Wirsingbaus angeblich im Wege stehen würden. Der wiederum sollte verschwinden, weil an seiner Stelle das Regensburger Kultur- und Kongresszentrum (RKK) entstehen sollte. Doch das haben die Regensburger bei einem Bürgerentscheid im vergangenen Herbst zum vierten Mal abgeschmettert. Unfassbar: An den Umholzplänen hielt die Stadt trotzdem weiter fest!

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Die Abfuhr war deutlich: 61,7 Prozent gaben der Stadt wegen ihrer hochtrabenden RKK-Pläne eine schallende Ohrfeige. Dabei hatte sich die Stadtspitze alles so schön ausgedacht und die 100 Millionen Euro teure Stadthalle über die Köpfe der Bürger hinweg schon beschlossen. Sogar Verträge waren bereits ausgehandelt:

Die Evangelische Pfründestiftung als Eigentümerin überlässt der Stadt das Gelände am Ernst-Reuter-Platz in Erbpacht, die Kosten dafür liegen angeblich bei 7,5 Millionen Euro. Allerdings sollte das Grundstück unbebaut übergeben werden. Heißt: Das Evangelische Siedlungswerk (ESW) soll den Abriss der Studentenwohnheime samt Tiefgarage für die Stiftung vornehmen. Am 30. September 2019 soll alles weg sein. 2014 wurde das alles so vereinbart, die Zielrichtung war klar: Die Stadthalle wird auf dem Kepler-Gelände gebaut.

Der böse Bürger will nicht so wie die Stadt

Doch der wenig folgsame Bürger bereitete den RKK-Befürwortern bei der Abstimmung eine vernichtende Niederlage. Aber an den – damit eigentlich überflüssig gewordenen – Abrissplänen hielt die Stadt dennoch fest: „Der Abbruch des Kepler-Areals einschließlich Lutherhaus und Keplerhaus war nicht Gegenstand des Bürgerentscheids“, teilt Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra fast schon trotzig auf Stadtzeitungsanfrage mit.

Deshalb würden die übrigen „Bausteine des Großprojekts ‚Neugestaltung Bahnhofsumfeld‘, das heißt der neue Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB), die Neugestaltung der Frei- und Grünflächen sowie die Planungen dazu, wie die Stadtbahn in diesem Bereich verlaufen muss, weiterverfolgt“.

Zu diesen Bausteinen gehört auch ein vorübergehender Zentraler Omnibusbahnhof (ZOB), der auf der Fläche des Keplerareals errichtet werden soll. Folglich mussten dort auch die Bäume weg. Denn die, so Roonne-Styras Kollegin Kristina Kraus, „befinden sich entweder sehr nah an ober- und unterirdischen Gebäudeteilen bzw. auf unterirdischen Versorgungs- und Entsorgungsleitungen oder unmittelbar an der Tiefgaragenkante. Im Zuge des Rückbaus wären massive und irreversible Schäden an ihren Wurzeln unvermeidlich.“

Entsprechend wurde bereits Mitte Januar in einem Bescheid grünes Licht für die Umholz-Aktion gegeben: Drei Ahornbäume neben der Sparkasse und neun weitere Bäume an der Albertstraße (zwei Linden, zwei Eschen, ein Schwarzer Holunder, eine Vogelkirsche und drei weitere Ahorne) sind mittlerweile umgeschnitten – blitzschnell und rechtzeitig vor der Vogelschutzzeit, die am 1. März jedes Jahres beginnt und bis 30. September dauert.

Doch ein Eingriff in den Alleengürtel

Diese Pläne versetzten auch die Baumpaten der Regensburger Stadtzeitung sofort in Alarmbereitschaft. Sie wollen für den Erhalt der jahrhundertealten Bäume einstehen und dafür sorgen, dass ihnen kein Leid geschieht. Deshalb wollten sie genau wissen, welche Bäume betroffen sind. Ergebnis: Es ist zwar keiner der ihren, denn die jetzt gefallenen sind alle weniger als 50 Jahre alt. Doch Grund zum Aufatmen gibt es dennoch nicht:

Drei Bäume befinden sich am Rand der sogenannten Dispositionsfläche der Stadt – sprich: im Alleengürtel. Und eben einen Eingriff in genau diese 1779 errichtete einzigartige Erholungsfläche wollten die Initiatoren des Bürgerentscheides sehr wohl verhindern. Unter den 44 Gründen gegen ein RKK war zu lesen:

„Der Bau eines RKK würde eine weitere Zerstörung des denkmalgeschützten Alleengürtels bedeuten. Die Fürst-Anselm-Allee ist der erste Park Europas, der ausschließlich für eine öffentliche Nutzung für die Regensburger Bevölkerung geschaffen wurde. (…) Die Erhaltung der Alleebäume und die Stärkung des Grüngürtels sind wichtig für die Verbesserung der Luftqualität. Der Baumbestand wirkt der Feinstaubbelastung und der Belastung durch Kohlendioxid entgegen.“

Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu höhnisch, wenn Juliane von Roenne-Styra nach der Abholzaktion mitteilt: „Selbstverständlich berücksichtigt die Stadt den Bürgerentscheid“.

Interims-Busbahnhof: Braucht es den wirklich?

Warum aber soll jetzt alles am Keplerareal abgerissen werden, wenn das RKK nicht verwirklicht wird und der eigentliche ZOB später einmal zwischen dem jetzigen Bahnhofsvorplatz und der Galgenbergbrücke entstehen soll? Warum braucht es überhaupt einen Interims-ZOB?

Die Stadtsprecherin gibt darauf keine nachvollziehbare Antwort: „Zur Abwicklung des Busverkehrs der Nahverkehrslinien und des Verkehrsverbundes bedarf es zusätzlicher Flächen“, behauptet von Roenne-Styra auf Stadtzeitungsanfrage. „Zum Interims-ZOB existieren gerade Vorplanungen (erste Planungsphase), die am 14. März 2019 an einem Info-Tag der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Genaue Kostenaufstellungen sind dann Teil der nächsten Planungsphase. Der Interims-ZOB ist nach Fertigstellung für zirka fünf Jahre im Einsatz.“

Nach fünf Jahren bedarf es also offensichtlich keiner zusätzlichen Flächen. Warum aber baut die Stadt den angeblich so dringend notwendigen Busbahnhof nicht gleich dort, wo er entstehen soll? Was für einen Sinn ergibt ein Interimsbahnhof, der doch nur Geld kostet und dann wieder verschwindet? Diese Nachfrage lässt von Roenne-Styra unbeantwortet.

Eine ökologische Sünde

Winfried Leukam vom Bündnis „Zukunft Keplerareal“ hingegen äußert sich klar und deutlich. Für ihn ist diese Planung „ein einziger Irrsinn. Da reißt man ein Gebäude weg, das eine einzige riesige Burg ist. Das kostet wahnsinnig viel Energie. Man schüttet die Baugrube zu, die beim Wegreißen der Tiefgarage entsteht, versiegelt eine Fläche, haut dort einen Busbahnhof hin und reißt ihn nach fünf Jahren wieder weg, auch das mit einem Wahnsinnsenergieaufwand.“

Das gesamte Vorhaben mit Abriss und Errichtung des ZOBs sieht das Bündnis als ökologische Sünde; als „gewaltige Geld-, Zeit- und Ressourcenverschwendung, die Millionen verschlingen“. „Und zahlen tun das wir, die Steuerzahler“, sagt Leukam.

Lernt die Stadt denn nie dazu?

Die Ideen der Stadtplaner rufen nicht nur an dieser Stelle bei Bürgern und Fachleuten Kopfschütteln hervor. Immer wieder werden in Regensburg Bauvorhaben in die Tat umgesetzt, die an Scheußlichkeit oder Einfallslosigkeit kaum zu überbieten sind.

Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: der potthässliche und überdimensionierte Museumsklotz am Donaumarkt, bei dessen Anblick sich viele den Großparkplatz zurückwünschen. Eine Studentin (24), die „Unter den Schwibbögen“ wohnt, zur Stadtzeitung: „Ich habe jedes Mal das Gefühl, ich laufe gegen eine Wand, wenn ich Richtung St.-Georgen-Platz gehe.“
Oder die völlig missratene Sanierung der Steinernen Brücke – die aus dem Regensburger Wahrzeichen eine Art Disneyland-Attraktion gemacht hat. Schlimm auch: Der einst gepflasterte und mit Bürgersteigen versehene Zugang vom Oberen Wöhrd ähnelt seit der Neugestaltung mit seiner blanken Teerdecke eher einer Tiefgaragenauffahrt als dem Bestandteil eines mittelalterlichen Weltwunders.

Ganz zu schweigen von der Wohnbebauung: Warum jegliches Neubauviertel nahezu ausschließlich aus weißen, uniformen Klötzen besteht, wird wohl auch für immer ein Geheimnis der bautechnischen Kreativabteilung der Stadtverwaltung bleiben, die ja auch noch anderweitig durch äußerst exklusiven Geschmack besticht: Der völlig lieblos gestaltete Dachauplatz – der ja immerhin Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus sein soll – wird durch einen grotesk-komischen neonfarbenen Kisten-Kiosk nicht attraktiver, die Ödnis der Maxstraße oder des Neupfarrplatzes wurden erst in der vergangenen Stadtzeitungsausgabe thematisiert.

Und beim Keplerareal zeigen die Planer auf den ersten Blick, dass sie vor allem eher planlos sind – was sie im Übrigen ja selbst einräumen: „Was dann am Ernst-Reuter-Platz gebaut wird, steht noch nicht fest“ – das ist zumindest in einer Broschüre der Stadt zu lesen.

Auch nach RKK-Aus: Stadt favorisiert Konzerthalle

Vielleicht aber ist alles doch ganz anders. Denn das Bündnis Zukunft Keplerareal fürchtet, dass die Stadt den Bürgerentscheid schlichtweg missachtet.

Seine Anwaltskanzlei Schlachter und Kollegen schreibt: „Eine der Hauptforderungen neben dem Verzicht auf ein RKK und dem Stopp aller Planungen war, ‚nach dem Bürgerentscheid die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs von 2017 gründlich zu analysieren, mögliche Varianten zu erarbeiten, die Bürger um weitere Ideen zu bitten und dann öffentlich zu diskutieren‘. Leider ist festzustellen, dass die Stadt Regensburg mit den beschlossenen Maßnahmen einfach fortfährt, als hätte es keinen Bürgerentscheid gegeben. Tatsächlich werden Tatsachen geschaffen, die eine Umsetzung des Bürgerentscheids unmöglich machen.“

Denn mit dem Abriss und der Betonierung werde die Variante Erhalt des Wirsingbaus von vorneherein ausgeschlossen. Die Stadt mache vielmehr deutlich, dass sie immer noch die Stadthalle im Hinterkopf habe. In ihrer Mitte November erschienenen Zeitschrift „Bei uns“ heißt es zur künftigen Nutzung des Keplerareals: „Die Ideen sind vielfältig: Konzerthalle, Tanzpalast, popkulturelles Zentrum, Freianlage, günstiges Wohnen, all das und noch viel mehr könnte sich die Stadtgesellschaft für das ‚Filetgrundstück‘ am Eingang der Altstadt vorstellen. (…) Die Stadtführung und die Koalition haben sich zunächst eine ‚Denkpause‘ verordnet. Zeit genug, um sich ausgiebig Gedanken zur weiteren Nutzung zu machen, haben die Politikerinnen und Politiker.“

Unglaublich: Unmittelbar nach der Ablehnung einer Stadthalle durch einen Bürgerentscheid nennt die Stadt als mögliche Nutzung eine Konzerthalle an erster Stelle! Und sie gibt auch deutlich zu erkennen, dass die Stadtspitze ja genügend Zeit habe! Für Reinhard Kellner und Winfried Leukam vom Bündnis ist klar: „Da wird eine Stadthalle über die Hintertür geplant. Denn der Bürgerentscheid bindet die Stadt nur für ein Jahr. Danach könnte sofort die Stadthalle kommen.“

Bündnis verklagt die Stadt

Weil aber vor diesem Hintergrund die Baumfällaktion und der geplante Abriss des Wirsingbaus – der beschönigend immer Rückbau genannt wird – durchaus als vorbereitende Maßnahmen für den Bau des Kultur- und Kongresszentrums angesehen werden können, hat das Bündnis jetzt beim Bayerischen Verwaltungsgericht in Regensburg einen Antrag auf einstweilige Anordnung und eine Klage gegen die Stadt eingereicht.

Die Stadt – vertreten durch die Bürgermeisterin – soll verurteilt werden, „alle Vorarbeiten und Planungen für ein Kultur- und Kongresszentrum (RKK) auf dem Keplerareal unverzüglich zu stoppen“. Gemeint ist damit vor allem der Abriss.

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Biergarten über den Dächern der Stadt

Der Wirsingbau, das räumt auch Bündnissprecher Leukam ein, ist im derzeitigen Zustand bestimmt kein Schmuckstück. „Aber der Vertrag mit der Stadt wurde schon 2014 gemacht, seitdem ist dort nichts mehr renoviert worden. Das Gebäude hätte alles, was die Stadt für ihre Bürger brauchen könnte. Geschäfte, Cafés, eine Bibliothek, viele Studentenwohnungen, ein Theater, eine Tiefgarage. Und eine wunderbare Terrasse, auf der ein Biergarten entstehen könnte, von dem aus man in die Wipfel der Bäume des Alleengürtels schauen könnte. Wär das nichts?“

Doch, das wäre wäs. Bestimmt etwas viel Schöneres als ein RKK. (ssm/hk)

 


 

Die „Nachgefragt“-Reihe

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  • gepostet am: Freitag, 01. März 2019

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