Nachgefragt | Mega-Flop „Challenge“

Nachgefragt | Mega-Flop „Challenge“

Der Knebelvertrag des Joachim Wolbergs

Er hat die Schnauze voll! Dominik M., 26 und Feuerwehrmann aus dem südlichen Landkreis, sagt: „Für den Schmarrn steh‘ ich nicht mehr zur Verfügung!“ Der Schmarrn, von dem er spricht, ist die „Challenge“ der Purendure Event GmbH & Co KG. Die Veranstaltung, die von Stadt und Landkreis mit rund einer halben Million Euro pro Jahr gefördert wird. Eine Menge Geld für eine von der breiten Mehrheit als völlig sinnfrei und überflüssig erachtete Triathlon-Veranstaltung, die sich an einen äußerst überschaubaren Teilnehmerkreis richtet und bei der nach Expertenmeinung erhoffte Werbe- und Wertschöpfungseffekte ausbleiben. Nun sollte im Stadtrat über den Ausstieg aus der unpopulären Chose abgestimmt werden. Doch das geht gar nicht. Grund: Der wegen der Korruptionsaffäre zumindest vorläufig geschasste OB Joachim Wolbergs hat offenbar für die Stadt einen Vertrag geschlossen, der sie nahezu ohne Kündigungsmöglichkeit zu Millionenleistungen verpflichtet!

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Die zweite „Challenge Regensburg“ wurde wie schon die Erstauflage zum Reinfall: Statt der von Rathauschef Wolbergs vorhergesagten 1.500 und von ihm erhofften 3.000 Teilnehmer gab es am 13. August 2017 nach Veranstalter-Angaben (dabei wird oftmals nach oben korrigiert) einschließlich aller Frauen-, Kinder- und Staffelläufe insgesamt lediglich 1.100 Starter. Für die Langdistanz (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, dann noch ein Marathonlauf über 42,195 Kilometer) meldeten sich davon sogar nur 380 Sportler an.
Für die wurden in Stadt und Landkreis wichtige Straßen gesperrt. Anwohner konnten nicht mit dem Auto zur Wohnung oder von ihr weg, Bauern murren wegen erschwerten Anfahrt auf die Felder während der Erntezeit. Und da sind auch noch die Feuerwehrleute in Stadt und Land. Wie Dominik M. schieben viele von ihnen Frust, weil sie für ein paar Hanseln am Wochenende als Straßenposten an den gesperrten Strecken stehen müssen – die Purendure von Extremsportlerin Sonja Tajsich (41) und ihrem Ehemann Thomas (48) spendet ja 12.000 Euro an den Kreisfeuerwehrverband.
Dass so wenige Ausdauer-Athleten in Regensburg an den Start gehen, ist indes nicht neu: Schon der Versuch, einen Ironman in der Stadt zu etablieren, scheiterte nach drei Auflagen (2010 – 2012) kläglich.

Unmut der Bürger aufgegriffen

Der Unmut der Bürger über derartige Veranstaltungen wird immer größer. Bei einer Online-Abstimmung der „Mittelbayerischen Zeitung“ bezeichneten rund zwei Drittel die „Challenge“ als „Flop“. Die CSU hatte diese Stimmung aufgegriffen, ihr Sprecher im Sportausschuss Jürgen Eberwein festgestellt: „Die Belastungen der Bevölkerung in Sommermonaten ist durch viele Events enorm, im Fall der Challenge stehen Nutzen und Aufwand in keinem Verhältnis.“ Die neue Veranstaltung sei bei den Regensburgern noch unbeliebter als der Vorgänger: „Das Beschwerdeaufkommen ist im Fall der Challenge deutlich höher“, so Eberwein.
Deshalb forderte Fraktionschef Josef Zimmermann die sofortige Beendigung der Challenge und der finanziellen Unterstützung durch die Stadt: „Nach dem Ende des Ironman in Regensburg müssen wir nun nach dem ausbleibenden Erfolg der Challenge erkennen, dass in Regensburg ein erfolgreicher Triathlon nicht möglich ist. Auch eine wohlhabende Stadt wie Regensburg kann sich den Erfolg nicht erkaufen.“

Fast zweieinhalb Millionen Euro Förderung

Erkaufen? Ja, denn die Verwaltung steckt Unsummen in die unsägliche Veranstaltung: fünf Jahre lang jeweils eine Anschubfinanzierung von 75.000 Euro. Dazu geldwerte Leistungen von 200.000 Euro jährlich für Planung, Vorbereitung, Durchführung, Abwicklung, Müllabfuhr, Wasserversorgung und Straßenreinigung. Insgesamt also rund 1,4 Millionen Euro.
Vom Landkreis kommen für Vorbereitung, Arbeiten der Straßenverkehrsbehörde, des Sachgebiets für Öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie des Kreisbauhofs noch einmal 200.000 Euro pro Jahr (die Stadtzeitung berichtete). Macht für fünf Jahre eine weitere Million Euro. Insgesamt gibt es eine Unterstützung von rund 2,4 Millionen Euro.
Und warum das Ganze? Damit sich, so Stadt-Sprecherin Juliane von Roenne-Styra auf Nachhaken der Stadtzeitung, „Regensburg als Sport-Stadt einen Namen machen und der Bevölkerung auch Hochleistungssport und besondere Sportveranstaltungen zum Zuschauen zugänglich machen kann“. 
Zum Vergleich: Der Regensburg Marathon oder der Arber-Radmarathon sind mit Sicherheit besondere Sportveranstaltungen. Sie wiesen mit 4.106 und 6.704 Startern in diesem Jahr ein Vielfaches der „Challenge“ auf. Seit Jahren erzielen sie nachweislich deutlich mehr Erfolge im Breitensport, erhalten aber nachgerade lächerliche 6.000 Euro Förderung. Sechsmal so viel Teilnehmer, viele noch dazu aus der Region, aber nicht einmal ein Zwölftel der Förderung – das verstehe wer mag.
Dieses krasse Missverhältnis wird auch dadurch nicht besser, wenn von Roenne-Styra treuherzig auf vermeintlich blühende Landschaften und die ach so enormen Anstrengungen des auf Gewinn ausgerichteten Veranstalters verweist: „Die Challenge-Förderung der Stadt ist eine Anschubfinanzierung, damit sich die Veranstaltung etablieren kann. Auch der Challenge Roth hatte die ersten Jahre sehr wenige Starter. Zudem investiert der Veranstalter als ortsansässiges Unternehmen selber eine Summe in Millionenhöhe in die Veranstaltung.“
Dass der Veranstalter neben der halben Million Fördergelder auch Startgebühren von bis zu über 600 Euro und Sponsorengelder einnimmt, sagt sie nicht. Purendure-Chef Thomas Tajsich jedenfalls scheint zufrieden zu sein. Der Stadtzeitung teilt er mit: „Die Veranstaltung steht auf soliden finanziellen Beinen“.

Experten: Mehrwert bleibt aus

Begründet wird die immense Unterstützung nahezu gebetsmühlenhaft mit dem angeblichen Zuwachs an Wertschöpfung, die die Veranstaltung für die Stadt bringt. Die Sprecherin behauptet zwar: „Externe Athleten kommen nie alleine und übernachten in der Regel mindestens zwei Nächte vorher in der Region.“ Zudem würde der Livestream der Veranstaltung für eine „starke Medienpräsenz“ sorgen. Sogar überregionale Medien hätten berichtet.
Allerdings muss sie auf Nachfrage der RSZ zugeben, dass sie keinerlei Nachweise für positive Auswirkungen der „Challenge“ auf Regensburg  hat: „Konkrete Zahlen kann die Stadt nicht vorlegen.“
Der Hotel- und Gaststättenverband indes zweifelt stark daran, dass es zu nennenswerten wirtschaftlichen Zuwächsen kommt, die Hotellerie spricht von „keinem Erfolg“. Ein Wirtschaftsexperte der Tageszeitung geht von maximal 450.000 Euro aus, die in die Region fließen könnten.
Dem gegenüber stehen die Leistungen von Stadt und Landkreis von der rund halben Million Euro. Somit ist die Veranstaltung für die Region keine Einnahmequelle, sondern ein klares Minusgeschäft.

Trotz offensichtlicher Mängel: Vertrag kann nicht gekündigt werden

Das dürfte auch bis 2020 weiterhin den Stadtsäckel und somit den Steuerzahler belasten: Denn Rechtsreferent Wolfgang Schörnig ließ nach dem CSU-Antrag die Stadträte wissen, dass es keine Möglichkeit gebe, vorher aus dem Vertrag auszusteigen. Deshalb wurde erst gar nicht über den Antrag abgestimmt.
Zwar habe sich Tajsichs Purendure auch zu einigen Leistungen verpflichtet, doch die sind sehr schwammig formuliert. So müsse es ein in einem unerträglichen Anglizismus formuliertes „Year-Around-Programm“ geben, doch wie das konkret aussehen muss, ist unklar. Stadt-Sprecherin von Roenne-Styra nennt geführte Schwimmveranstaltungen, Radtouren, Lauftreffs und drei Infoabende. Doch Trainingsveranstaltungen gibt es beim Marathon und beim Arber auch. Ein darüber hinausgehendes Jahres-Programm war von den Regensburgern nicht festzustellen. Eberwein: „Da ist heuer so gut wie nichts passiert.“
Weiterhin solle ein Ausstellungsraum (großspurig „Showroom“ genannt) für die „Ausdauerregion Regensburg“ gestaltet werden. Auch der ist bislang offenbar verborgen geblieben – sofern nicht die ohnehin vorhandene Warenpräsentation im Purendure-Laden als solcher bezeichnet wird.
Letztlich verpflichteten sich die Tajsichs noch zur Entwicklung eines Perspektiv-Teams mit jungen Talenten. Ergebnis nach zwei Jahren laut Roenne-Styra: „Es ist richtig, dass erst ein Sportler als Talent vor Ort gefördert wird.“ Ein Einzelner macht aber noch lange kein Team aus.
Somit könnten durchaus Mängel an den Gegenleistungen der Tajsichs zu erkennen sein – doch für eine Kündigung des Vertrages reicht das nicht. Eberwein: „Da ist vieles nicht konkretisiert worden, zudem müsste man erst einmal abmahnen, bevor man kündigen kann. Schwerwiegende Verfehlungen liegen nach Ansicht von Rechtsreferent Wolfgang Schörnig nicht vor, die Rechtslage ist ziemlich auf Seiten der Purendure.“

Die Arroganz des Veranstalters Tajsich

Das weiß offensichtlich auch Thomas Tajsich. Doch statt die erkennbaren Mängel einzuräumen, schwadroniert er von einem Livestream, der in 29 Ländern fast 30.000 Mal aufgerufen worden sei. Nur stellen 1.000 Aufrufe pro Land (keineswegs gleichbedeutend mit 1.000 Zuschauern, mit Sicherheit hat kaum einer den fast einen Tag laufenden Wettbewerb ununterbrochen verfolgt) keine überragende mediale Reichweite dar.
Im Gegensatz zur Stadtsprecherin behauptet Tajsich auch: „Natürlich gibt es nachweislich lokale Talente, die gefördert werden.“ Nur – die Nachweise der Unterstützung mehrerer  Nachwuchssportler blieb er bisher schuldig.
Dafür versteift er sich auf seiner Facebook-Seite aber zum Arroganz-Kommentar in leichter grammatikalischer Schieflage: „Es gibt einen gültigen 5-jahres Vertrag, d.h. die Challenge Regensburg wird sicherlich noch min. 3x ausgetragen. Selbst wenn die CSU es versuchen würde kann sie mit ihrer Minderheit im Stadtrat daran nichts ändern.“
Tajsich wähnt sich ganz offensichtlich in einer komfortablen Lage.

Vertrag als „Wolbergs-Alleingang“

Doch warum ist das so? Eberwein sagt, den Vertrag zwischen der Purendure und der Stadt vom Mai 2015 habe „Wolbergs mehr oder weniger im Alleingang“ abgeschlossen. „Für mich sieht das sehr nach einem Knebelvertrag für einen Mega-Flop aus.“ Ein Verdacht, den nicht wenige hegen: Die in der Vereinbarung einseitig eingeräumten Vorteile zu Gunsten des Veranstalters könnten durchaus etwas mit gegenseitiger Zuneigung zu tun haben. Sonja Tajsich positionierte sich eindeutig als Wahlkampf-Helferin für Wolbergs. Als dessen Hemd am Bauch spannte, gab sie seine Jogging-Trainerin.
Thomas Tajsich räumt ebenfalls ein: „Ich finde Joachim Wolbergs sympathisch und bin mit ihm befreundet.“  Dessen Verwicklung in die Korruptionsaffäre will der Purendure-Mann nicht erkennen: „Sämtliche Vorverurteilungen sehe ich politischen Interessen geschuldet und finde diese erbärmlich.“

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Rechtsreferent bedauert

Rechtsreferent Schörnig jedenfalls ließ die Stadträte wissen, so Eberwein weiter, „dass die Verwaltung nicht Teilnehmer beim Abschluss des Vertrages war.“ Der Rechtsexperte habe sein Bedauern ausgedrückt, dass eine Ausstiegsklausel nicht enthalten sei.
Das könnte übersetzt heißen: Wäre nicht Wolbergs federführend bei der Vereinbarung gewesen, sondern Schörnig, würde es diesen Vertrag so nicht geben. Und der Steuerzahler müsste nicht Millionen in ein Projekt stecken, das kaum jemand in der Stadt und im Landkreis will.
Feuerwehrmann Dominik M. weiß übrigens jetzt schon, wie er sich bei der dritten Challenge beteiligen wird: „Gar nicht. Da nehme ich frei.“ (hk)

 


 

Die „Nachgefragt“-Reihe

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