Nachgefragt | Onkel Toms Märchenstunde

Nachgefragt | Onkel Toms Märchenstunde

Immobilienzentrums-Chef Thomas Dietlmeier hat in der Korruptionsaffäre umfassend ausgepackt - doch ob er dabei auch immer die Wahrheit gesagt hat, ist nach Stadtzeitunginformationen ziemlich fragwürdig/Nicht nur bei Schaidinger gab es neue Durchsuchungen

Es war einmal - so beginnen alle Märchen - ein Mann. Smart, alert, braungebrannt. Immer in Schlips und feinem blauen Anzug. Einer, der aus einer Zwei-Mann-Klitsche neben dem örtlichen Tierarzt ein erfolgreiches Unternehmen mit Dutzenden Mitarbeitern gemacht hatte. Der Mann, das ist Thomas Dietlmeier, bis vor Kurzem Vorstandsvorsitzender des Immobilenzentrums. Doch als der Mann ganz oben war, kam der jähe Absturz: Die Staatsanwaltschaft ließ ihn Anfang November 2017 verhaften. Thomas Dietlmeier soll, ähnlich wie der Bauträger Volker Tretzel, in die Korruptionsaffäre um den vom Dienst suspendierten OB Joachim Wolbergs verwickelt sein (alle Hintergründe unter www.regensburger-stadtzeitung.de). Doch so schnell wie Dietlmeier in U-Haft kam, war er auch wieder draußen: Entlassung nach zwei Wochen, weil er auspackte und dabei, wie die Stadtzeitung aus üblicher Weise gut informierten Kreisen erfuhr, einen „ziemlich ungebremsten Beschuldigungseifer“ an den Tag gelegt haben soll.

- Anzeige -
Bestechung des Oberbürgermeisters und Vorteilsgewährung werfen ihm die Strafverfolger vor. Rund 130.000 Euro soll das Immobilienzentrum an Wolbergs‘ SPD-Ortsverein gespendet haben, auch die schön tranchiert in Einzelspenden unter 10.000 Euro, bei denen die Herkunft der Spenden nicht offengelegt werden muss. Und: Es gibt das Gerücht, nach dem Dietlmeier zumindest zwei Rechnungen von Wolbergs‘ Salzburger Wahlkampfagentur, dessen Kampagne betreffend, übernommen haben soll. Die Agentur will sich dazu auf Stadtzeitungsanfrage nicht äußern.
Im Gegenzug für die Spenden, so die Staatsanwaltschaft, „soll der Oberbürgermeister die Stadtverwaltung, entgegen deren Bedenken, Ende 2014 und erneut Ende 2015 angewiesen haben, die Wohnbebauung auf einem Grundstück im Außenbereich baurechtlich zu ermöglichen“, das das Immobilienzentrum erworben hatte. Wolbergs soll mit dem Geld auch dazu bewegt worden sein, „Einfluss auf die Entscheidungen der Stadtverwaltung im Zusammenhang mit zwei von dem Immobilienunternehmen ab 2016 entwickelten Baugebieten zu nehmen“.
Auffallend war tatsächlich, dass das Immobilienzentrum bei größeren Baumaßnahmen häufig zum Zug kam. Ebenso auffallend war, dass dabei im Baugebiet am Brandlberg aus knapp 200 Wohnungen über 500 wurden und dass auf dem derzeit baureif werdenden LERAG-Gelände zwischen Guerickestraße und den Bahngleisen auf sonst übliche Sozialwohnungen verzichtet werden darf und die an den Brandlberg verschoben werden dürfen.

So löst die U-Haft die Zunge

Jedenfalls ermittelten die Strafverfolger, Dietlmeier bekam das logischerweise mit. Offenbar wurde er angesichts einer drohenden Haftstrafe (zehn Jahre für Bestechung im besonders schweren Fall, drei Jahre für Vorteilsgewährung) nervös, denn laut Staatsanwalt wirkte er „in unlauterer Weise erheblich auf eine mitbeschuldigte Person ein (...), um die Ermittlung der Wahrheit zu erschweren“.
Wegen dieser Verdunklungsgefahr wurde am 2. November 2017 Haftbefehl erlassen, am 6. November 2017 fuhr Dietlmeier ein. Die Haft setzte ihm offenbar heftig zu.
Für den renommierten Strafverteidiger Nils Junge wenig verwunderlich: „Für die meisten Menschen, die zum ersten Mal in Haft kommen, ist das ein regelrechter Schock. Es gibt Leute, die verfallen in tiefste Depressionen.“ Gerade in den Anfangstagen sei die neue Situation nahezu unerträglich: „Sie sind 23 Stunden am Tag eingesperrt, haben noch keinen Fernseher, keine Zeitungen und sind mit drei anderen Straftätern auf zehn, zwölf Quadratmetern untergebracht. Nichts zu tun außer nachdenken - eine richtige Horrorvorstellung.“

Diese Zeit im Knast könne die Zunge ganz schnell lösen: Ein bekannter Fall sei der von Tatjana Gsell, die sagt, sie habe eine ihr vorgeworfene Autoschieberei im Zusammenhang mit dem Tod ihres Mannes, dem Schönheitschirurgen Franz Gsell, nur deshalb zugegeben, um der U-Haft zu entgehen. Dabei stimme das gar nicht!
Auch bei Dietlmeier dürfte der Hafteindruck ein nachhaltiger gewesen sein. Junge: „Dann spricht der Verteidiger üblicherweise mit dem Staatsanwalt, um auszuloten, was passieren muss, um den Mandanten freizubekommen.“ Das könne der Wegfall der Verdunkelungsgefahr sein – „also das Geständnis, dass das, was einem vorgeworfen wird, stimmt.“
Doch das alleine reiche nicht immer: „Was dann aber helfen kann, ist Aufklärungsarbeit über die eigene Tatbeteiligung hinaus.“
Offenbar war das auch bei Thomas Dietlmeier so, denn er war ganz schnell wieder draußen. Der Staatsanwalt war jedenfalls so zufrieden, dass er selbst beantragte, den Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug zu setzen. Oberstaatsanwalt Theo Ziegler damals: „Der Beschuldigte hat umfassende Angaben gemacht, die die Verdunklungsgefahr reduziert haben“. Am 21. November 2017 war Dietlmeier nach zwei Wochen U-Haft wieder ein freier Mann.

Neue Durchsuchungen bei Bauträgern -  „alle und jeden angeschwärzt“?

Die „umfassenden Angaben“ dürften nach Stadtzeitungs-Informationen noch eher eine Untertreibung darstellen, „überschäumende Angaben“ wäre wohl treffender. Denn kurz nach der Freilassung Dietlmeiers gab es noch vor Weihnachten Hausdurchsuchungen in den Geschäfts- und Privaträumen zweier Bauträger, die die Staatsanwaltschaft vorher nicht im Visier gehabt hatte. Dass die Fahnder anrückten, dürfte zum einen in engem Zusammenhang mit der Baumaßnahme am Brandlberg stehen. Bei der hat sich das Immobilienzentrum andere Firmen ins Boot geholt - bei zwei davon klingelten die Fahnder.
Zum anderen aber könnten die Beamten vor allem deshalb bei den Bauträgern aufgeschlagen sein, weil sie von Dietlmeier auf deren Fährte gelockt wurden – womöglich fälschlicherweise.
Einer der Betroffenen wutschnaubend zur Stadtzeitung: „Um als Kronzeuge seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bringt er jetzt eine ganze Branche in Verruf!“ Ausgerechnet die integren Bau-Partner des Immobilienzentrums hätten unter den Aussagen Dietlmeiers besonders zu leiden: „Der würde doch alle und jeden anschwärzen, nur um einen strafrechtlichen Vorteil daraus zu ziehen und sich reinzuwaschen“, entrüstet sich der Mann. Dass die Verdächtigungen „völlig aus der Luft gegriffen sind“, sei offenbar vollkommen nebensächlich. „Nichts, aber überhaupt nichts“ sei an Dietlmeiers Behauptungen dran, schäumt der Unternehmer am Stadtzeitungstelefon.

- Anzeige -


Staatsanwalt: Werden mit Anzeigen überhäuft

Die neuerliche Durchsuchung bei Alt-OB Hans Schaidinger könnte ebenfalls im Zusammenhang mit Dietlmeiers Aussagen stehen. Bei den Baufirmen wird eifrig darüber spekuliert, ob der CSU-Politiker nicht auch vom Immobilienzentrum einen Beratervertrag angeboten bekommen hat. Einen solchen soll Schaidinger ja bekanntlich nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bei Bauträger Tretzel angenommen haben, dotiert mit 20.000 Euro im Monat.
Staatsanwalt Pfaller will zwar die Durchsuchungen bei den Bauträgern nicht direkt bestätigen, gibt aber auf Stadtzeitungsanfrage zu, dass „es mehrere Durchsuchungsbeschlüsse gab, die auch vollzogen wurden.“  Gleichzeitig räumt er ein, dass die Strafverfolger im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre „mit Anzeigen überhäuft wurden, aufgrund derer Vorermittlungen geführt wurden. Selbstverständlich mussten wir all diesen Hinweisen nachgehen, auch wenn sich dann herausgestellt hat, dass sie sich nicht bestätigen ließen.“
Über die Stichhaltigkeit von Dietlmeiers Angaben will er nichts Konkretes sagen. Beim Immobilienzentrum aber ist der inzwischen aus dem Vorstand ausgeschieden und kann sich nach, seinen zumindest dem Anschein nach, haltlosen Anschuldigungen nirgendwo mehr in der Stadt blicken lassen. Denn der Hass auf ihn ist gerade bei den Kollegen groß, die sich von ihm völlig zu Unrecht angeschwärzt sehen. Und in der Tat: Nach Stadtzeitungsrecherchen deutet einiges darauf hin, dass Dietlmeiers Auftritt in den Verhören das war, was als abfälliger Spott über den einstigen Branchenprimus momentan unter Bauleuten kursiert: nämlich „Onkel Toms Märchenstunde“. (ssm)

 


 

Die „Nachgefragt“-Reihe

Könnte Sie auch interessieren

Magazin weitere Artikel

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Spannend wird es jetzt nochmal bei der OB-Wahl: Zwar hat Astrid Freudenstein die erste Runde mit knapp 30 % klar für sich entschieden, während die provisorische Amtsinhaberin Gertrud Maltz-Schwarzfischer lediglich knapp 23 % der Wählerinnen und Wähler für sich begeistern konnte.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Wer hält auch während der Krise die Stellung direkt am Menschen und hilft so mit, sie zu meistern? Die Stadtzeitung besuchte stille Helden in und um Regensburg an ihrem Arbeitsplatz. Eine Momentaufnahme.

>> weiterlesen

Corona-Bußgeldkatalog

Corona-Bußgeldkatalog

Das bayerische Gesundheitsministerium hat am 27.03. einen Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus erlassen.

>> weiterlesen

Coronavirus: Ausgangssperre in Bayern

Coronavirus: Ausgangssperre in Bayern

20.03.: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder kündigt die Ausgangsbeschränkung in Bayern an.

>> weiterlesen

In & Out | April 2020

In & Out | April 2020

Die In-&-Out-Liste der RSZ gefährdet Ihre Gesundheit! Meiden Sie Wertungen mit satirischem Inhalt – Sie könnten ihn womöglich nicht erkennen! Magenbeschwerden und Zornausbrüche sind die unvermeidbare Folge!

>> weiterlesen

Das Coronavirus in Bayern – aktuell

Das Coronavirus in Bayern – aktuell

27.03. Das bayerische Gesundheitsministerium erlässt einen Bußgeldkatalog bei Verstößen gegen die Regelungen zur Eindämmung des Coronavirus.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Die Corona-Pandemie ist nun auch in Deutschland angekommen. Wie gehen Ämter, Organisationen und Konzerne damit um? Wie schützen sie ihre Mitarbeiter, wie ihre Kunden? Die RSZ hat nachgefragt.

>> weiterlesen

Tipps und Tricks | Hygiene im Auto

Wer allein im Auto sitzt, hat ein sehr geringes Infektionsrisiko. Aber was ist beim Tanken oder beim Einkaufen?

>> weiterlesen

„Notfallplan Corona-Pandemie“ für Krankenhäuser in Bayern

„Notfallplan Corona-Pandemie“ für Krankenhäuser in Bayern

Seit dem 27.03. gibt es in den 26 bayerischen Leitstellenbereichen sogenannte „Ärztliche Leiter“, die die Verlegung von Patienten zwischen den Krankenhäusern steuern sollen.

>> weiterlesen

Nachgefragt weitere Artikel

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Nachgefragt | Nach der Wahl ist vor der Wahl: Alle gegen Eine?

Spannend wird es jetzt nochmal bei der OB-Wahl: Zwar hat Astrid Freudenstein die erste Runde mit knapp 30 % klar für sich entschieden, während die provisorische Amtsinhaberin Gertrud Maltz-Schwarzfischer lediglich knapp 23 % der Wählerinnen und Wähler für sich begeistern konnte.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Nachgefragt | Die stillen Helden der Krise

Wer hält auch während der Krise die Stellung direkt am Menschen und hilft so mit, sie zu meistern? Die Stadtzeitung besuchte stille Helden in und um Regensburg an ihrem Arbeitsplatz. Eine Momentaufnahme.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Nachgefragt | Die Maßnahmen gegen Corona

Die Corona-Pandemie ist nun auch in Deutschland angekommen. Wie gehen Ämter, Organisationen und Konzerne damit um? Wie schützen sie ihre Mitarbeiter, wie ihre Kunden? Die RSZ hat nachgefragt.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Darum brauchen wir die Dorfwirtshäuser!

Die Zahlen sind erschreckend: In den letzten 25 Jahren hat über ein Drittel der Dorfwirtshäuser für immer zugesperrt! Dabei ist doch das Wirtshaus Kulturgut oberster Kategorie und fest verwurzelt in der bayerischen Tradition!

>> weiterlesen

Nachgefragt | Günter Krempl: Der Künstler im Fenster

Nachgefragt | Günter Krempl: Der Künstler im Fenster

Günter Krempl ist ein Mann von hier. Zwar in Österreich geboren, doch seit dem ersten Lebensjahr Regensburger durch und durch. Mit sanfter Stimme, immer freundlichem Ausdruck und seinem Regensburger Akzent stellt er sich dem Interview der RSZ.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Endlich Wahlen! – die Kommunalwahl in Regensburg

Nachgefragt | Endlich Wahlen! – die Kommunalwahl in Regensburg

Am 15. März 2020 werden in Regensburg der Stadtrat und der Oberbürgermeister neu gewählt / Nach drei Jahren könnte die Stadt endlich wieder eine echte Führungsspitze haben / Die Stadtzeitung zeigt, wer mit wem Mehrheiten bilden könnte

>> weiterlesen

Nachgefragt | Regensburger Jahresausblick – das kommt 2020 auf uns zu

Nachgefragt | Regensburger Jahresausblick – das kommt 2020 auf uns zu

Es gibt ein paar Dinge, die sind in Regensburg jedes Jahr gleich und doch immer wieder schön. Doch dann gibt es auch Ereignisse, die ein Jahr ganz speziell machen. So auch das Jahr 2020. Die Stadtzeitung nennt beim Namen, was in den nächsten zwölf Monaten so auf uns zukommt.

>> weiterlesen

Nachgefragt | Krachen bis zum Gehtnichtmehr?

Nachgefragt | Krachen bis zum Gehtnichtmehr?

Was in anderen Städten üblich ist, ist in Regensburg angeblich nicht durchsetzbar: Silvester wird es weiterhin kein Verbot für Böller geben / Stadt hofft auf freiwilligen Verzicht

>> weiterlesen

Nachgefragt | Erich Gohl: Was schiefgeht, hängt nicht

Nachgefragt | Erich Gohl: Was schiefgeht, hängt nicht

Erich Gohl wurde 60 – rund um die Uhr schafft er es zwar nicht mehr, aber den Kampf, den ihm seine Kunst bedeutet, hat er noch nicht aufgegeben.

>> weiterlesen

© Regensburger Stadtzeitung