Auf wildem Kreuzzug

Auf wildem Kreuzzug

In Kareth-Lappersdorf entdachte der Pfarrer wegen einer AFD-Veranstaltung einen ungeheurlichen Sturm der Entrüstung gegen Bürgermeister Christian Hauner. Dabei hielt sich der nur an Recht und Gesetz.

Stellt sich die Kirche gegen die Vertreter des Staates, kann das mit unterschiedlichen Worten beschrieben werden. Das kann mutig sein, wie beim Domprediger Dr. Johann Maier, der am Ende des Zweiten Weltkrieges die kampflose Übergabe der Stadt an die Amerikaner forderte, um weitere Todesopfer zu verhindern und dafür von den Nazi-Schergen gehängt wurde. Das kann witzig sein, wie in den Filmen von Don Camillo und Peppone. Das kann aber auch umstritten sein, wie bei den 36 abgelehnten Asylbewerbern aus als sicher geltenden Balkanstaaten, die 2016 im Pfarramt St. Elisabeth am Wiesmeierweg einquartiert wurden, um ihrer drohenden Abschiebung zu entgehen. Und manchmal ist es nur populistisch, marktschreierisch und töricht.

Der Blick geht nach Kareth-Lappersdorf, die Vorzeige-Gemeinde, die im Nordwesten an die Stadt grenzt. Dort haben sie einen schmucken Veranstaltungsbau hingestellt und ihn wegen seiner goldenen Fassade Aurelium genannt.
In besagtem Aurelium wollte nun die „Alternative für Deutschland“ eine Kundgebung mit dem Thüringer Fraktionschef Björn Höcke (sagte über das Holocaust-Mahnmal in Berlin: „Die Deutschen sind das einzige Volk, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz ihrer Hauptstadt gepflanzt haben.“) abhalten. Höcke gilt ganz zweifellos als rechter Scharfmacher seiner Partei. 
Allerdings ist die AfD demokratisch legitimiert. Bei der Bundestagswahl wurde die Rechtspartei mit über 12 Prozent der Wählerstimmen drittstärkste Fraktion, jeder achte Wähler gab ihr seine Stimme. Sie sitzt in 14 deutschen Landesparlamenten und im Europäischen Parlament. Kurz und gut: Sie ist eine zugelassene Partei.

Bürgermeister distanziert sich, sieht sich aber gebunden

Als die Anfrage der AfD wegen der Nutzung des Aureliums einging, war Bürgermeister Christian Hauner (43, Freie Wähler) nun gar nicht wohl in seiner Haut. „Ich distanziere mich komplett von dieser Partei und ihrer Ausrichtung“, sagt er zur Stadtzeitung. „Ginge es nach meiner persönlichen Sichtweise, dürfte die AfD nicht ins Aurelium.“
Doch die eigene politische Einstellung dürfe bei der Frage, ob die AfD in Lappersdorf auftreten darf, keine Frage spielen. Es gibt einen Marktratsbeschluss von 2016, nach dem das Aurelium zugelassenen Parteien, die an an demokratischen Wahlen teilnehmen, zur Verfügung gestellt wird.  „An diesen Beschluss sind wir natürlich gebunden. Wir haben dort schon andere politische Parteien auftreten lassen, also müssen wir bei der AfD dasselbe tun. Daran sind wir gebunden“, weiß Hauner. Zumal er auch mitbekommen hat, dass andere Städte mit dem Versuch der Aussperrung der Rechten vor Gericht nicht durchkamen.

Andere Städte scheiterten mit AfD-Verbot

Als die AfD für September eine Veranstaltung in Nürnberg mit ihrem Spitzenfunktionär Gauland durchführen wollte, widerrief die Stadt Nürnberg den mit der Partei geschlossenen Mietvertrag für die Meistersingerhalle. Gauland hatte kurz zuvor gegen die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özuguz geätzt: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ Er war als Hauptredner vorgesehen, das wollte Nürnberg als Stadt der Menschenrechte verhindern. “Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagte der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly damals. Doch das ging schief: Das Verwaltungsgericht Ansbach entschied: Die AfD hat die Halle zu bekommen.
Auch das Verwaltungsgericht München sagte, dass die AfD wegen des Gleichheitsgrundsatzes die Kultur- und Bürgerhäuser der Stadt München benutzen darf. Kelheim wehrte sich ebenfalls vergeblich. Alle Verfahren waren für die unterlegenen Kommunen natürlich mit Kosten verbunden. Die wollte Rathauschef Hauner seiner Marktgemeinde ersparen. „Wir mussten uns dafür entscheiden, der AfD das Aurelium zur Verfügung zu stellen.“

Böse Vorwürfe von der Kanzel verursachen einen Shitstorm

Das wollte aber nicht jeder so hinnehmen. Kareths Pfarrer Ronald Liesaus sah sich bemüßigt, schwere Vorwürfe gegen Christian Hauner zu erheben. „Zweimal hat er mich in Predigten massiv angegriffen“, erzählt das Gemeindeoberhaupt noch immer sichtlich empört und getroffen. Die „Mittelbayerische Zeitung“ dokumentierte die Vorhaltungen. So soll Liesaus über die „schwammigen Aussagen“ Hauners gewettert und ihn der „Hilflosigkeit“ und der „Vernachlässigung seiner Amtspflichten“ bezichtigt haben. Zudem soll Hauner praktisch dem Sprichwort „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ gefolgt sein und habe als „Kapitän fluchtartig das Schiff verlassen“. Denn er sei am Fronleichnamstag – zwei Tage vor der AfD-Veranstaltung – in Urlaub gefahren.
Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: Bei Hauner trafen Mails und anonyme Briefe ein, in denen er z.T. übelst beschimpft und beleidigt wurde. „War ein Absender angegeben, habe ich mich mit dem Schreiber auseinandergesetzt und ihm die Sache erklärt. Die haben das dann auch verstanden. Aber gegen anonyme Beleidigungen bist du machtlos, da kannst du dich keiner Diskussion stellen.“

Besonders die Kinder sind getroffen

Was Hauner besonders verletzt: „Er hat mich und meine Familie als Ratten bezeichnet. Mein neunjähriger Sohn versteht das noch nicht so, mein zwölfjähriger sehr wohl. Ihn hat das getroffen. Besonders für ihn war das nicht leicht.“ Der Kurzurlaub im Bayerischen Wald sei lange vor der Anfrage der AfD geplant gewesen. „Zudem bin ich am Tag der Veranstaltung natürlich vor Ort gewesen, von einer Flucht kann also nicht die Rede sein.“
Die Predigt des Pfarrers war ein „Frontalangriff, den ich mir nicht bieten lasse.“ Hauner könne verstehen, dass nicht jeder nach der Entscheidung pro AfD „in Jubelstürme ausgebrochen ist“. Kritik sei immer zulässig, sie müsse aber „oberhalb der Gürtellinie erfolgen. Was der Pfarrer gemacht hat, zeugt von Inkompetenz. Er hat genau gewusst, was er sagt, denn er hat alles abgelesen, die Worte waren bewusst gewählt. Und er hat sie wiederholt. Wenn er mir etwas zu sagen gehabt hätte, hätte er das gerne auf direktem Weg sagen können, unter vier Augen, von Mann zu Mann. Aber mich öffentlich in einer Predigt anzugreifen, das steht ihm nicht zu.“

Nach dem Anruf im Ordinariat kam die Entschuldigung

Deshalb wandte sich Hauner an das Bischöfliche Ordinariat. „Ich habe geschildert, was abgelaufen ist“, erzählt er der Stadtzeitung. „Und ich habe gesagt, dass ich mir das nicht bieten lassen werde.“ Der Erfolg dieses Anrufs ließ nicht lange auf sich warten: In einem Brief entschuldigte sich der Pfarrer bei Hauner – und bei seiner Familie.
Doch was hat den Kirchenmann überhaupt zu solch unsäglichen und völlig unangebrachten Äußerungen bewegt? Die Stadtzeitung ruft bei ihm, will auch seine Sicht der Dinge hören.

Pfarrer schweigt – Familie zieht Konsequenz

Doch Ronald Liesaus will sich „nicht dazu äußern.“ Zwar findet er den Anruf der RSZ „grundsätzlich sehr löblich, andere Zeitungen haben sich nicht bei mir gemeldet. Doch ich möchte die Sache lieber abkühlen lassen und sage deshalb nichts mehr dazu.“ Doch das hätte er wohl besser schon vorher getan. Für Christian Hauner und seine Familie ist das Tischtuch mit dem Geistlichen jedenfalls zerschnitten. Der ältere Sohn hat seine Ministranten-Tätigkeit niedergelegt, der jüngere seine unmittelbar bevorstehende nicht mehr aufgenommen. Und der Vater sagt: „Die Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen Einrichtungen wie den Kindergärten wird nicht leiden. Mit dem Pfarrer aber will ich nichts mehr zu tun haben.“ (ssm)

  • gepostet am: Montag, 02. Juli 2018

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