Nachgefragt | Kummer mit der Kümmererin: Frisch gekürte Altstadtbeleberin schmeißt schon vor Dienstantritt hin!

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Bildunterschrift: Wo ist der Kümmerer? Regensburgs Altstadt hätte ihn verdient.

 

Das wirtschaftliche Fundament der Altstadt ist Handel und Gewerbe. Deshalb erfand Hans Schaidinger, damals Regensburgs Oberbürgermeister, vor vielen Jahren den „Altstadt-Kümmerer“, der sich um all die Geschäfte, Betriebe, Immobilien und Interessengemeinschaften sorgen sollte. Der sich mit den lokalen Begebenheiten auskennt, berät und als Vermittler gegenüber der meist überforderten Verwaltung fungiert. Der sich um die Identität unserer Altstadt bemüht. Alfred Helbrich war der letzte Wirtschaftsförderer, so der offizielle Titel für den „Kümmerer“. Nun gut, viel zerrissen hat die rheinische Frohnatur über die Jahre hinweg nicht gerade, aber immerhin: Er war zumindest präsent. Als er in den Ruhestand ging, scheute die Stadt weder Geld noch Mühen, die Stelle neu zu besetzen. Und man wurde – vermeintlich – fündig: Frau, Muslimin, abgeschlossenes Hochschulstudium, Diplom-Verwaltungswirtin. Sie konnte sich gegen alle Konkurrenten durchsetzen, „weil man merkte, dass sie für unsere Stadt richtig brennt“ – so ein begeistertes Jurymitglied nach dem Finalcasting. Gebrannt mag sie ja haben, die Dame. Aber eher von der Ausdauer einer handelsüblichen Wunderkerze. Denn sie trat den Posten niemals an. Schmiss hin, bevor es am 1. Februar eigentlich losgehen sollte. Für die Stadt eine Blamage. Seitdem heißt der Altstadt-Kümmerer auf der Website der Stadt „N. N.“: „Nomen nominandum“ – der Name ist (noch) zu benennen.

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Das bedeutet Stillstand für viele Monate. Und dies mitten in einer der größten Krisen, die unsere Stadt in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Wie konnte das passieren? Wir fragen bei der Stadt nach. Die schreibt uns – und es klingt ziemlich angefressen: „Es ist eine freie Entscheidung, bei der Stadt Regensburg zu arbeiten.“ Außerdem werden die Gründe einer Absage „grundsätzlich vertraulich behandelt“. Diese Unverbindlichkeit wirft die Frage auf, ob nicht schon beim Auswahlverfahren massive Fehler begangen wurden. Nach welchen Kriterien wurde denn ausgewählt? Oder warum gab es keinen Plan B?

Um den Schleier, den die Stadt über die Angelegenheit legt, ein wenig zu lüften, richten wir einige Fragen an Kathrin Fuchshuber. Die versierte Kennerin der Altstadtproblematik ist CSU-Stadträtin und engagiert sich in verschiedenen Vereinen und Organisationen wie dem Hotels-in-Regensburg e.V., dem Regensburger Kaufleute e.V., der IHK Regensburg, dem Stadtmarketing Regensburg, der Regensburger Tourismus GmbH, der Alten Mälze und dem fatigatio e.V. Als Betreiberin des renommierten Hotels „Münchner Hof“ weiß sie zudem als direkt Betroffene, wie dringend gerade jetzt in den Corona-Turbulenzen insbesondere der Handel und die Gastronomie der Altstadt einen versierten „Kümmerer“ bräuchten.

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Kathrin Fuchshuber erklärt, welche Maßnahmen notwendig sind, um die tote Altstadt wiederzubeleben.

Am 01.02.2021 hätte die Position des Altstadt-Kümmerers besetzt werden sollen, was jedoch nicht geschah. Warum hat die Stadt diese Blamage nicht verhindert?

Die Antworten können hier vielfältig sein: persönliche Gründe, ein besseres Angebot oder die Erkenntnis, dass die Positionsbeschreibung „Altstadt-Kümmerer“ zu smart war. Ich denke, aufgrund der jetzt schon hohen Leerstände, der Diskussion um potentielle Kunden für die Regensburger Geschäfte und Gastronomie, die am besten ihr Auto in Lappersdorf parken sollen, und den nicht abzuschätzenden Coronamaßnahmen müsste die Positionsbeschreibung eher lauten: „Leiter/in des Altstadt-Katastrophenschutzes“.

Welche Rolle spielte Geschlecht/Ethnie/Religion bei der Auswahl des Kümmerers?

Die Stadt Regensburg, so beobachte ich es seit meinem Einzug in den Stadtrat, ist überbemüht, bei den Auswahlkriterien alle oben genannten Punkte mit einfließen zu lassen. Meine persönliche Auffassung hierzu ist, dass es aber ausschließlich um das Erfüllen von Kriterien gehen sollte, die mit einer perfekten inhaltlichen Besetzung einer Stelle einhergehen. Da sollte es egal sein, welche Couleur der/die Bewerber/in hat. Zusätzlich spielt natürlich auch die Persönlichkeit, Teamfähigkeit, etc. eine Rolle. In meinen Augen ist es ebenso diskriminierend, wenn ein Mann eine Stelle nicht bekommt, nur weil er Mann ist, obwohl er augenscheinlich die besseren Qualifikationen als z.B. eine Frau/Bewerberin hat. Ich sehe hier ein aktuelles generelles gesellschaftliches Problem.

Die Kosten für die Ausschreibung belaufen sich laut Stadt auf 8.200 € Brutto für Anzeigenschaltung und einen nicht zu beziffernden Verwaltungsaufwand. War das für die Katz?

Kosten entstehen natürlich durch eine neue Stellenausschreibung. Ich habe aber nicht verstanden, warum es keine Rangliste der Bewerber gab. Ich hätte zum Hörer gegriffen und den/die Zweitplatzierte/n angerufen und gesagt, dass die Stelle jetzt doch frei ist und wir uns unglaublich freuen würden. In persönlichen Gesprächen kann man die Leute viel besser motivieren und einfangen. Hier hat die Verwaltung in meinen Augen hohen Umstellungsbedarf. In der Wirtschaft hätte man nämlich immer einen Plan B und C in der Hinterhand.
Da keine Rangliste mit einem Nachrückverfahren vorgesehen ist, beginnt das Bewerbungsverfahren jetzt wieder von vorne. Ich gehe mal davon aus, dass diejenigen, die im ersten Bewerbungsverfahren eine Absage bekommen haben, sich nicht mehr erneut bewerben werden. Ich kann mir vorstellen, dass die Bewerber sich fragen, warum sie sich noch einmal bewerben sollten, wenn sie trotz Qualifikation abgelehnt wurden. Dann könnte man, pessimistisch betrachtet, sagen, es bewirbt sich jetzt die zweite Garde. Optimistisch sage ich aber: Es gibt jetzt die Chance, die Stelle mit der geeigneten Person zu besetzten.

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Welchen Rattenschwanz hat die Sache für den Bürger?

Für die Bürger, zu denen ich Einzelhändler, Gastronomen, Marktbetreiber, Hotelangestellte, Ärzte und alle Dienstleister (Frisöre, Steuerberater, Physiotherapeuten, Ärzte, ...) zähle, vergeht wieder wertvolle Zeit, die wir in dieser wirtschaftlich extrem angespannten Situation nicht haben. Die Person, die den Fokus auf der Altstadt haben sollte, ist nicht da und muss sich erst einarbeiten. Dieses Einarbeiten ist kein Bürojob. Das heißt: viele, viele Gespräche führen mit den Immobilienbesitzern, mit den Einzelhändlern, mit den Verbänden. Das heißt: Vertrauen schaffen, Position beziehen, unbequem sein, polarisieren etc.
Wegen dieses Kompetenzvakuums gibt es ja so viele private Organisationen und Vereine, die versuchen, die Altstadt aus ihrer Warte voranzubringen und zu erhalten.
Zielführend wäre, wenn wir den/die Eine/n hätten, der/die sich vor die Altstadt stellt und sich hier mit Engagement, Herzblut, Visionen und Verve einbringt. Die Zeiten eines „Kümmerers“, wie ich es verstehe, sind leider vorbei.
Ich vergleiche die aktuelle Situation gerne mit einer Schneewächte, die schon die ganze Zeit über Regensburg hängt und jetzt abgerissen ist: Sie rutscht, nimmt Fahrt auf, wird breiter und schneller und am Ende bleibt dem „Leiter des Altstadt-Katastrophenschutzes“ nur noch die Aufgabe, Lebende aus den Trümmern zu bergen und mit ihnen gemeinsam die Regensburger Altstadt wiederzubeleben – und das wird Jahre dauern. (lnw)


Zum Artikel „Rechtsfreie Räume in Regensburg: Das Müll-Ghetto Dieselstraße“

Zum Artikel „Kommt sie oder kommt sie nicht: Dult-Schausteller in quälender Ungewissheit“


Die „Nachgefragt“-Reihe

  • gepostet am: Montag, 01. März 2021

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