Nachgefragt | Trostpreis dezentrale Dult

Nachgefragt | Trostpreis dezentrale Dult

Bildunterschrift: Auch 2021 keine Maidult: für die Marktkaufleute eine wirtschaftliche Katastrophe.

 

Die Dult ist abgesagt. Das, was die Regensburger Stadtzeitung als erstes Medium längst mutmaßte, ist nun offiziell. Über Monate hat man die Dultbeschicker und Standbetreiber vertröstet und die unausweichliche Entscheidung immer weiter hinausgezögert. Und das, obwohl das viel später stattfindende Bürgerfest schon längst abgesagt war. Um die gebeutelten Gastronomen und Budenbetreiber einigermaßen bei Laune zu halten, sind immer noch einsame dezentrale Schauplätze wie z.B. Bismarckplatz oder vorm Haus der Bayerischen Geschichte im Gespräch. Ob da Stimmung aufkommt, ist fraglich, wie man auch schon im letzten Jahr gesehen hat: ein einsames Riesenrad auf dem Ernst-Reuter-Platz, ein paar Buden hier und da. Fehlt es der Stadt einfach an Kreativität?

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Existenz der Marktkaufleute bedroht

Der Ausfall der Dult ist ein schwerer finanzieller Schlag. Der Dultzeltbetreiber Michael Hahn zeigt sich dennoch verständnisvoll: „Aktuell kann man eine solche Ansammlung an Menschen nicht erlauben.“ Die Entscheidung war „ein notwendiger Schritt“. Der Sprecher der Marktkaufleute, Walter Metzger, der normalerweise Pfannen und Töpfe auf der Dult vertreibt, weiß, was der Ausfall der Dult anrichtet: „Es gibt keine Alternative zur Dult. Realistisch gesehen sind die Umsatzausfälle durch Absagen der Messen und Märkte, welche jetzt bereits bis in den August 2021 gehen, nicht mehr aufzuholen und existenziell extrem bedrohlich.“

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Trotz des Erfolges von 2020: Der Stadtpark geht 2021 nicht mehr an Michael Hahn.
© M. Pillhatsch

Wird der Stadtpark wieder zum Lichtblick?

Aber immerhin lässt man die Standbetreiber nicht komplett im Regen stehen. Im Stadtpark zum Beispiel soll es wieder sommerlich-gesellig zugehen. Hier hat Michael Hahn letztes Jahr mit seinem Sommergarten einen stattlichen Betrieb auf die Beine gestellt und Maßstäbe gesetzt. Mit Hygiene-Konzept und allem drum und dran mauserte sich der Sommergarten zur beliebten Abwechslung im Krisenjahr 2020. Doch wie dankt die Verwaltung ihm diese Pionierarbeit? Gar nicht. Laut Pressestelle der Stadt soll der Stadtpark heuer ans Café unter den Linden gehen. Den Gastronomen Hahn speist man wohl mit einer x-beliebigen dezentralen Fläche ab. Wo, wann und in welcher Größenordnung, steht in den Sternen. „Die Stadt ist mit Herrn Hahn aber weiter im Gespräch“, so die Pressestelle. Wie lange solche Gespräche bisweilen dauern und wozu sie führen können, sehen wir schon seit Monaten.

Was denken die Regensburger über die Dultabsage, das dezentrale Konzept und Hahns Aus im Stadtpark?

Anna Wiesinger (li.), 21 Jahre, OP-Schwester, Regensburg und Annicke Wiesinger, 53 Jahre, Teamassistentin, Zeitlarn

Anna Wiesinger (li.), 21 Jahre, OP-Schwester, Regensburg und Annicke Wiesinger, 53 Jahre, Teamassistentin, Zeitlarn

„Es ist sehr schwierig für die Betreiber“, sagen Anna und Annicke Wiesinger. „Jeder hat sich auf Corona eingestellt, auch Geld ausgegeben. Da sind die Vorbereitungen manchmal zu aufwändig und zu kostspielig dafür, dass man dann nur zwei Tage öffnen kann.“ Und was ist mit Hahns Sommergarten im Stadtpark? „Dass Hahn ihn nicht mehr bekommt, ist ungerecht, natürlich“, beschwert sich Anna. „Ich habe selbst bedient. Mein Chef hat auch über ein Jahr auf Coronahilfen gewartet. Das ist mehr Gerede als alles andere.“

Ulrich Korb, 70 Jahre, Rechtsanwalt, Regensburg

Ulrich Korb, 70 Jahre, Rechtsanwalt, Regensburg

Ulrich Korb, ehemaliger Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, stellt fest: „Die Stadt ist immer sehr übervorsichtig und schiebt dann alle Entscheidungen auf die lange Bank.“ Und die dezentrale Lösung hält er für weniger attraktiv. „Leider – für die Standbetreiber“, fügt er hinzu. Über den Sommergarten sagt er: „Das find ich blöd, dass Hahn den nicht mehr bekommt. Aber ich vermute mal, dass das neu ausgeschrieben wurde.“

David Ranzmeyer (li.), 24 Jahre, Student, Regensburg und Abdul Al-Dilaimi, 22 Jahre, Student, Regensburg

David Ranzmeyer (li.), 24 Jahre, Student, Regensburg und Abdul Al-Dilaimi, 22 Jahre, Student, Regensburg

David Ranzmeyer und Abdul Al-Dilaimi arbeiten beide in der Gastro. Sie wissen, wie es ist, wenn man während Corona hingehalten wird und nicht weiß, ob man aufmachen darf oder nicht. „Wir kennen die Entscheidungsparameter nicht. Aber das Ergebnis ist scheiße.“ Trotzdem: Eine dezentrale Lösung sei besser als nichts. „Aber ich weiß nicht, ob sich der Act da lohnt“, schließt Abdul. Und warum geht der Stadtpark nicht mehr an Hahn? „Das riecht so ein bisschen nach Beziehungen“, vermutet er. „Wenn das der Fall ist, ist es natürlich nicht cool.“

Isabel Rad (li.), 24 Jahre, Studentin, Regensburg und Lisa Soldat, 25 Jahre, Studentin, Regensburg

Isabel Rad (li.), 24 Jahre, Studentin, Regensburg und Lisa Soldat, 25 Jahre, Studentin, Regensburg

Isabel Rad und Lisa Soldat konnten es sich schon denken: „Wir kennen es vom Straubinger Gäubodenfest. Da weiß man schon seit letztem Jahr, dass es nix wird. Auch die Wiesn findet nicht statt – und die ist erst im Oktober.“ Dezentrale Stellplätze „sind zwar nett, aber viel verdienen werden sie da nicht. Das ist ein trauriger Trostpreis.“

(lnw)

 


Lesen Sie auch den Dult-Artikel vom letzten Monat und vom folgenden Monat

Zum Artikel „Umweltzerstörung im Dienste von IKEA?“

Zum Artikel „Peinliche Lobeshymne auf Stefan Aigner rückt Regensburger Almanach ins Zwielicht“

Zum Artikel „Nach Stadtzeitungsbericht: Stadt bessert Impf- und Testzentrum nach“


Die „Nachgefragt“-Reihe

  • Tags:
  • gepostet am: Freitag, 30. April 2021

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