Nachgefragt | „So ein scheiß Durcheinander!“ – Ein Stimmungsbild beim Regensburger Impfzentrum

Nachgefragt | „So ein scheiß Durcheinander!“ – Ein Stimmungsbild beim Regensburger Impfzentrum

Bildunterschrift: Das Aufenthaltszelt des Impfzentrums: klein und kalt.

 

Das Impfzentrum am Dultplatz. Zugige Zelte, nackte Container, wenig bis gar kein Wetterschutz. Besonders für die älteren Mitbürger bei Graupel und Kälte eine unfassbare Zumutung unter freiem Himmel.

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Um die Jahreswende wurde hier die erste Dosis Impfstoff verabreicht. Da war noch tiefster Winter. Selbst jetzt noch spielt das Wetter bisweilen verrückt und macht den Besuch im Impfzentrum gerade für Hochbetagte zum Albtraum.

Ein kleiner unbeheizter Pavillon dient als Aufenthaltsraum. Es ist vorgesehen, dass acht bis neun Leute pro 15 Minuten geimpft werden. Also soll die Wartezeit auch höchstens 15 Minuten betragen. Von fünf Minuten bis zu einer Stunde ist in der Praxis aber alles drin, so erfährt die Stadtzeitung von den frisch Geimpften. Kommt es zu Störungen im Ablauf, müssen die Rentner also erstmal draußen bleiben. Behandelt man so die Menschen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut und den Grundstock für unseren Wohlstand gelegt haben?

Warum stellt die Stadt für die Impfkampagne nicht einladendere Orte mit deutlich mehr Aufenthaltsqualität bereit? Nahezu alle Turnhallen stehen leer. Die Donauarena ist verwaist. Das Jahnstadion mit seinem üppigen Innenraumangebot zur Zeit faktisch ungenutzt! In Hemau zum Beispiel laufen die Vorbereitungen für ein Impfzentrum in der Tangrintel Halle, einer Mehrzweckhalle. Warum können die das, wir in Regensburg aber nicht? „Durch anfallende Mietkosten (u.Ä.), die am Dultplatz der Stadt nicht erhoben werden, wurde der Dultplatz bevorzugt“, so die Pressesprecherin der Stadt auf eine entsprechende Anfrage der Stadtzeitung. Man will es nicht fassen: Da werden Milliarden im Zuge der Pandemie durch den Schornstein gejagt, aber um ein paar Euro zu sparen, setzt man Alte, Kranke und Behinderte in Regensburg Wind und Wetter aus?

 

3Das Impfzentrum auf dem Dultplatz: Tristesse in grau und blau.
© Lukas N. Wuttke

Wir fassen nach. Nennen das Beispiel Donauarena. Die Antwort wirkt hilflos: „Es war noch nicht klar, ob man die Donau-Arena in so großem Ausmaß (auch zeitlich) nutzen kann oder ob diese für andere Großveranstaltungen benötigt wird.“ Wie bitte? Die Arena lässt man also lieber leer stehen, weil es ja vielleicht irgendwann mal wieder irgendeine Veranstaltung in ihr geben könnte? Deshalb lässt man alte Menschen lieber frieren? Die Stadtzeitung fasst weiter nach – und die Antworten werden nicht besser: Das Impfzentrum sei „fast komplett (bis auf den Eingang) überdacht. Beheizte Container und Zelte sorgen für ausreichend Wärme. Des Weiteren sind ausreichend Wärmestrahler vorhanden“, teilt man uns fast schon etwas trotzig mit. Wir prüfen diese Angaben. Stimmt: Wenn man einmal drinnen ist, mag es wohlig warm sein. Doch draußen im Wartebereich entdeckt unser Reporter keinen einzigen Wärmestrahler. Es ist nässlich, zugig und kalt.

Auf die Frage, ob der Aufenthaltsbereich nicht generell zu klein geraten sei, bezieht sich die Stadt auf den Registraturbereich (schließlich müssen mindestens fünf Formulare ausgefüllt werden – es lebe die deutsche Bürokratie!), der sich über mehrere Container erstreckt und angeblich genügend Stühle und Trennwände bietet. Den kleinen, kalten Pavillon, in dem man die Leute vor ihrem Einlass warten lässt – geschweige denn die Menschen, die darin nicht unterkommen und komplett im Freien warten müssen – erwähnt die Pressestelle der Stadt nicht.

„So ein scheiß Durcheinander“, schimpft ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Er hat zwei ältere Frauen von 88 und 86 Jahren mit dem Auto zum Impfzentrum gebracht und musste wegen organisatorischer Probleme länger warten. „Es ist eine Zumutung für alte Leute, dass sie in der Kälte so lange anstehen müssen“, macht er seinem Ärger Luft. Die äußeren Umstände zeigen in Regensburg also ein ähnliches Versagen wie die gesamte Impfstrategie der EU. Bemerkenswert dagegen das eingesetzte medizinische Personal: Geduldig, freundlich, empathisch und kompetent stemmen sie sich gegen diese desaströse Mangel- und Misswirtschaft. Auch hier sind sie die eigentlichen Heldinnen und Helden der Pandemie.

3Walter Rustler, 69 Jahre, KFZ-Meister.
© Lukas N. Wuttke

Doch nicht alle beschweren sich. Zeigen Geduld und Leidensbereitschaft: Walter Rustler lobt, dass es keine Probleme beim Einlass seiner Begleitung gab. Während unseres Gespräches ballen sich allerdings schon wieder die Menschen am Eingang. „Eine Turnhalle wäre vermutlich besser. Wenn man keine Begleitung hat, ist es hier wirklich blöd“, schiebt er seinen Worten nach.

3Eveline Bauer, 79 Jahre, Hausfrau.
© Lukas N. Wuttke

Eveline Bauer hat sich mit der Situation abgefunden. Schlecht wäre eine Turnhalle nicht, „aber mit den Parkplätzen gäbs Schwierigkeiten.“ Sie überlässt die Entscheidung der Verwaltung.

3Andreas Jäger, 45 Jahre, Jurist und Versicherungskaufmann.
© Lukas N. Wuttke

Andreas Jäger hat seine Mutter zum Impfen hergebracht. „Ich bin sicher, dass man das ganze hätte professioneller aufziehen können“, analysiert er. Er hat sich mit mehreren bekannten älteren Menschen ausgetauscht. „Hier ist definitiv Erkältungsgefahr gegeben. Das ist doch grotesk!“, meint er kopfschüttelnd und schiebt nach: „In anderen Städten kann man ja auch Mehrzweckhallen und Pfarrheime nutzen. Wir haben Lockdown – da kann eh nichts stattfinden.“

3Fritz Neumayr, 80 Jahre, Schreinermeister.
© Lukas N. Wuttke

Fritz Neumayr stört die Lage dagegen nicht. Nur den Ablauf findet er viel zu kompliziert. „Hier muss man hin, dann muss man dort hin. Vier Stationen waren das. Und es könnte besser ausgeschildert sein.“ Wegen der schlechten Wegführung hatte er sich zuerst fälschlich beim direkt angeschlossenen Testzentrum angestellt. „Aber sonst ist es schon in Ordnung. Die 80-Jährigen fallen dem Staat nur zur Last. Wir haben ja schon lange genug gelebt“, lacht er – und es klingt trotzdem irgendwie traurig. (lnw)


Lesen Sie auch die Fortsetzung dieses Artikels

Zum Artikel „Corona-Dult 2021: Erst der Rasen, dann der Mensch“

Zum Artikel „Nach Stadtzeitungsbericht: Dieselstraße endlich müllfrei“


Die „Nachgefragt“-Reihe

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  • gepostet am: Donnerstag, 01. April 2021

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