Nachgefragt | Schöne und nackte Mädchen

Nachgefragt | Schöne und nackte Mädchen

RSZ vom 13. Juni 1985: Dieses Bild auf Seite eins sorgte im Juni 1985 für einen wahren Sexskandal.
RSZ vom 27. Juli 1985: Und mit diesem Titelbild wusch sich die Redaktion in der nächsten Ausgabe rein.

 

Jede Boulevardzeitung hatte ihr schönes Mädchen von Seite 1. Garniert mit mehr oder weniger sinnigen Sprüchen, war die Frau rechts oben auch in den Anfangsjahren der Stadtzeitung ein echter Hingucker. Ganz nackt war sie nie, eine blanke Brust blitzte des Öfteren vom Titelblatt. Mitunter waren die Damen aber auch komplett bekleidet, zeigten höchstens ein langes Bein.

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Skandal um die Lederlady in Strapsen

Für einen wahren Skandal sorgte die Schöne von Seite 1 in der Ausgabe vom 13. Juni 1985. Neben der Schlagzeile „Denkmal für OB Viehbacher“ war ein Model abgebildet. Im schwarzen Slip, mit Ledercorsage, Strapsen und schwarzen Strümpfen. Eine Federboa bedeckte die linke Brust notdürftig, die rechte zeigte sich unverhüllt. Als Begleittext stand zu lesen: „Viel nackte Haut und ein bißchen Textil: Das war das Motto einer Reizmodenwäscheschau in einer hiesigen Diskothek. Mit gewagten Dessous heizten Heidi (Foto) und ihre Kolleginnen den modebewußten Trendsettern tüchtig ein und gingen schließlich voll aus sich heraus …“

Für heutige Maßstäbe dezent, damals ein echter Skandal. Waschkörbeweise brachen die Protestschreiben wildgewordener Feministinnen und Hüter von Anstand und Sitte über die Redaktion herein. Die Frau würde zum reinsten Sexobjekt degradiert, war die harmloseste Kritik.

11 Angezogen: Es ging durchaus auch sittsam zu bei den Mädels von der Titelseite.

Die Redaktion zeigte Reaktion. Auf der Titelseite der nächsten Ausgabe stand zu lesen: „Heftige Kritik handelten wir uns bei der letzten Stadtzeitungsausgabe wegen des angeblich sexistischen Titelbildes ein. Zwar war an den meisten Verkaufsstellen die Auflage schnell vergriffen, dennoch wollen wir den Vorwurf der ‚Umsatzsteigerung um jeden Preis’ nicht auf uns sitzen lassen und versuchen uns diesmal durch das ‚Schaumbad der Woche’ von ihm reinzuwaschen …“ Daneben war das Bild einer badenden und diesmal komplett barbusigen Dame zu sehen. Regensburg feixte!

Die schöne Miss und die sieben Zuschriften

Einen Sinn für schöne Frauen hatten die Stadtzeitungsmacher schon immer. So kam es nicht von ungefähr, dass frühzeitig in der Blattgeschichte eine Miss gekürt werden sollte. Über mehrere Ausgaben hinweg wurde zur Wahl der „Miss Ratisbona“ aufgerufen – mit zweigeteiltem Echo. An Bewerberinnen mangelte es nicht, 16 attraktive Regensburgerinnen wollten zur Stadtschönsten emporsteigen.

Doch die Wählerstimmen! Sagenhafte sieben Zuschriften nach einem halben Jahr – „das Publikum ist wohl noch nicht reif für eine Misswahl“, analysierte Geschäftsführer Thomas Radek (heute Geschäftsführer der Südwestpresse Hohenlohe) in dieser MISSlichen Lage messerscharf. Da reichte es dem Verleger: Jetzt wird gekürt! Die Wahl fiel auf die lockenmähnige Schülerin Kathl Rauch (17). Sie konnte die meisten Zuschriften auf sich vereinen – immerhin ganze drei an der Zahl. Was sie gewann? Unglaubliche 200 Mark, einen Bericht in der Stadtzeitung und – unbezahlbar – sie wurde Regensburgs erste Miss und Titelgirl in der Maiausgabe 1985!

11 Ein Strahlendes Trio: Verleger Peter Kittel (re.) lässt die gekürte Miss aus den „vielen“ Zuschriften ziehen. Geschäftsführer Thomas Radek (li.) besorgte für die Schönheitskönigin noch schnell welke Blumen für das gemeinsame Bild mit dem Verleger.

Kleiner Haken: Einige Wähler sollten ja auch noch einen kleinen Preis erhalten – fünf mal zwei Karten für diverse Konzerte. Nachdem die Redaktion in der Berichterstattung nur minimal übertrieben und „zahlreiche Zuschriften“ vermeldet hatte, musste in der Stunde der Wahrheit der Schein natürlich gewahrt bleiben. Folglich setzte sich Peter Kittel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an den Schreibtisch und schrieb Postkarten. Mit immer den gleichen sieben Absendern. Am nächsten Tag marschierte die wirklich strahlende Gewinnerin auf und die sollte natürlich nichts merken. Es läutet am Turm. Großes Hallo! Glückwünsche für Kathl Rauch, dann die Ziehung. Peter Kittel zeigte kurz die mit Zuschriften prallvolle Pappkiste und hielt sie dann dem Mädel in Kopfhöhe zur Ziehung hin, schließlich durfte die Miss ja nicht sehen, dass es nur sieben unterschiedliche Absender waren … „Justitiar“ Radek stand bereit, die gezogenen Karten der schönen Kathi sofort zu entwenden, um gegebenenfalls Doubletten zu identifizieren („Also so was, da hat doch einer glatt mehrere Karten abgeschickt! Das geht natürlich nicht!“, wäre sein Text gewesen) und neu ziehen zu lassen.

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Bei der Ziehung brachte die Schülerin das schier unglaubliche Kunststück fertig, auf Anhieb fünf verschiedene Gewinner zu bestimmen! Großes Aufatmen bei Verleger und Geschäftsführer. Abschließend die Fotoaufnahmen ganz oben am Turm. Da überreichten die beiden Stadtzeitungsmänner dem glücklichen Mädel einen eher kargen Blumenstrauß. Schließlich war Radek fünf Minuten vor dem Eintreffen der „Miss Ratisbona“ eingefallen, dass sich so ein Sträußchen nicht schlecht macht. Das hatte er noch stilgerecht besorgt: ein paar welke Nelken mit schlaffer Grüngarnitur zum Schnäppchenpreis für zwei Mark. Gut, dass es schon damals die Shell-Tankstelle in der Prüfeninger Straße gab … (ssm)

 


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