„Primäre Gesten“

„Primäre Gesten“

22.03.–30.08., Alexander Tutsek-Stiftung, München

Öffnungszeiten: Dienstag–Freitag 14–18 Uhr, feiertags geschlossen. Der Eintritt ist frei.

„Gesten“ sind Bewegungen des Körpers, die der Kommunikation dienen, es sind kleine Akte der Verständigung und des Handelns, die Zeichen der Freundschaft setzen, des Respekts, der Empathie oder auch der Distanz. Der amerikanische Künstler Robert Rauschenberg (1925–2008) ging Anfang der 1980er Jahre nach China mit dem Wunsch, ein solches Zeichen zu setzen, eine Geste des Interesses an der fernen und fremden Kultur. Im interkulturellen Austausch sah er die Möglichkeit, den Frieden in der Welt zu wahren.

Mit einer Hasselblad-Kamera erkundete Rauschenberg das ihm unbekannte Land – zum ersten Mal benutzte er Farbfilme für eine Serie – und hat daraus ein künstlerisch wie politisch aufregendes Projekt entwickelt. Aus dem Fundus von über fünfhundert Farbfotografien schuf er nach seiner Rückkehr in die USA eine große Bildmontage unter dem Titel „Chinese Summerhall“ (1982), eine Installation mit einer Länge von über 30 Metern. Dieses Werk brachte er 1985 nach China zurück. Es wurde enthusiastisch gefeiert. Innerhalb von 18 Tagen haben 300.000 Besucher die Ausstellung im heutigen National Art Museum gesehen. 2016 wurde sie in Peking noch einmal im Ullens Center for Contemporary Art gezeigt.

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 100 x 75 cm

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 100 x 75 cm

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 100 x 75 cm

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 70 x 55 cm

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 70 x 55 cm

  • © Robert Rauschenberg Foundation / Graphicstudio, University of South Florida, Tampa / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

    Robert Rauschenberg: Untitled, aus dem Portfolio „Study for Chinese Summerhall“, 1983, 100 x 75 cm



    Aus seinen in China entstandenen Fotografien wählte er weiterhin 28 Motive aus und edierte sie 1983 als „Study for Chinese Summerhall“, die in der Münchner Ausstellung zu sehen sind: zwei Portfolios, das erste mit 18 Fotografien im Format von 100 x 75 cm und das zweite mit zehn Fotografien im Format von 70 x 55 cm. Jedes einzelne Blatt trägt seine Signatur. Bisher selten gezeigt, ziehen sie sich nun wie ein Band durch die Räume der Jugendstilvilla: Aufzeichnungen von Gesten des Alltags, des modernen wie des traditionellen Lebens in einer sich wandelnden chinesischen Gesellschaft.

    Fotografie: Robert Rauschenberg – Study for Chinese Summerhall (1983)

    Arbeiten in Glas: Mona Hatoum, Hassan Khan, Jana Sterbak, Terry Winters

    Alltägliche funktionale Dinge kann man als „primäre Gesten“ verstehen: ein Knoten etwa, auch ein Kreis, eine Kugel, Spirale, Schale oder Murmel. Transformiert in ein künstlerisches Objekt, erhalten sie eine besondere Präsenz und gewinnen Wert und Bedeutung. Durch die Verfremdung ihrer Form, die Veränderung des Materials oder durch Versetzung in einen anderen Kontext – durch Negation oder Demontage – werden jene Gesten „aufgeladen“ und kommunizieren so über das Sichtbare und Banale, über das „Primäre“ hinaus. Sie transportieren kulturelle Überlieferungen in die Gegenwart, verweisen auf ihre mythologischen oder religiösen Wurzeln, sie erinnern und erzählen Geschichten. So verbirgt sich unter ihrer Oberfläche oft eine Fülle von Assoziationen und Bedeutungen. Sie lösen mentale und emotionale Bilder aus – in Anziehung und Differenz. Für den Künstler wie für den Betrachter geht es darum, wie Hassan Khan es formuliert, jene primären Gesten zu lesen, zu entziffern und zu verstehen.

    • © Mona Hatoum, Courtesy of the artist and Galerie Chantal Crousel, Paris

      Mona Hatoum: Turbulence (black), 2014, 3 x 250 x 250 cm, Schwarze Glasmurmeln

    • © Hassan Khan, Courtesy of the artist and Galerie Chantal Crousel, Paris

      Hassan Khan: The Knot, 2012, 10 x 72 x 6 cm, mit Sockel 120 x 92 x 40 cm, Formgeschmolzenes Glas, Stahl

    • © Terry Winters, Courtesy Matthew Marks Gallery

      Terry Winters: Marseille Template/8, 2004–2006, 75 x 34 x 34 cm, Glas, formgeblasen, Holz

    • © Jana Sterbak, Courtesy the artist and Barbara Gross Galerie, Munich

      Jana Sterbak: Hard Entry, 2003, 29 x 32 x 32 cm, Glas, geblasen, frei geformt, 8-teilig



      Alle Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung arbeiten mit solchen primären Gesten. Die britische Künstlerin Mona Hatoum (*1952) legt tausende von schwarzen Glasmurmeln neben- und übereinander zu einem kreisrunden Feld („Turbulence (black)“, 2014). Die kanadische Künstlerin Jana Sterbak (*1955) schafft mundgeblasene Schalen und schachtelt sie eng ineinander, sodass der Eindruck einer Spirale entsteht („Hard Entry“, 2004). Der ägyptische Künstler Hassan Khan (*1975) macht die kunstvolle Replik eines Knotens in Glas („The Knot“, 2012) und der amerikanische Künstler Terry Winters (*1949) transformiert die Idee des Gefäßes in intuitive organische Formen wie Sphären und Blasen („Marseille Templates“, 2004–2006).

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        Ausstellungseröffnung „Primäre Gesten“.

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        Terry Winters: Marseille Template, 2004–2006.

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        Mona Hatoum: Turbulence (black), 2014.

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        Mona Hatoum mit ihrem Werk bei der Ausstellungseröffnung.

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        Jana Sterbak: Hard Entry, 2003.

      • © Alexander Tutsek-Stiftung (Foto: Marion Vogel)

        (V. l. n. r.) Maleachi Bühringer, Mona Hatoum, Dr. Eva-Maria Fahrner Tutsek bei der Ausstellungseröffnung.

        Die Alexander Tutsek-Stiftung

        Die Alexander Tutsek-Stiftung fördert Kunst und Wissenschaft. Sie wurde im Jahr 2000 von dem Unternehmer Alexander Tutsek und der Wissenschaftlerin Dr. Eva-Maria Fahrner-Tutsek als gemeinnützige Stiftung gegründet. Die Stiftung engagiert sich bewusst für das Besondere, das Vernachlässigte und Übersehene.

        Im Tätigkeitsbereich Kunst konzentriert sich die Stiftung in ihrer international orientierten Ausstellungsund Sammlungstätigkeit auf zeitgenössische Fotografie sowie auf zeitgenössische Skulptur, insbesondere unter Verwendung von Glas als Material. In diesen beiden Bereichen fördert die Stiftung mit verschiedenen Programmen Künstlerinnen und Künstler sowie entsprechende Ausbildungsstätten. Darüber hinaus unterstützt sie umfassend öffentliche Institutionen, wie zurzeit in München die Pinakothek der Moderne und das Haus der Kunst oder in vergangenen Jahren z. B. das Fotomuseum Winterthur in der Schweiz.

        In der Wissenschaft liegt ein Schwerpunkt auf Fördermaßnahmen in der Grundlagen- und angewandten Forschung in den Ingenieurwissenschaften. Sie unterstützt großzügig Fachschulen sowie Universitäten und vergibt in großem Umfang Stipendien an Fachschüler, Studenten und Nachwuchswissenschaftler.

        Im Jahr 2019 wird die Stiftung in der Kunst und Wissenschaft über 60 Stipendien vergeben.

        Ausführliche Informationen zu den Tätigkeitsbereichen der Stiftung finden Sie hier: www.atstiftung.de, info@atstiftung.de

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