Ludwig Richter und Julius Schnorr von Carolsfeld – Eine Künstlerfreundschaft

Ludwig Richter und Julius Schnorr von Carolsfeld – Eine Künstlerfreundschaft

17.03–23.06.2019, Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Imposante Gebirgsformationen, davor karge Bergketten und ganz vorne Hirten mit ihren Tieren in einer sanften Hügellandschaft. Ludwig Richters „Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal (Auszug der Sennen)“ gehört zu den Vorzeigestücken der deutschen Romantik. Jüngst unter den Malschichten entdeckte Vorzeichnungen weisen zudem auf eine interessante Entstehungsgeschichte hin: Richter wollte die Figurengruppe zunächst anders anlegen und behalf sich dabei mit einer Skizze seines Kollegen Julius Schnorr von Carolsfeld. Die Kabinettausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg greift diese Spur auf und führt den kreativen Austausch zwischen den beiden Künstlerfreunden vor Augen.

Wie Caspar David Friedrich oder Joseph Anton Koch fand auch Ludwig Richter (1803–1884) Gefallen an den überwältigenden Bergszenerien. In den Augen dieser Künstler verkörperten sie ganz im Sinne der romantischen Weltanschauung die erhabene Naturgewalt, der der Mensch mit Ehrfurcht gegenübersteht. Auf der Rückreise von Rom im Jahr 1826 machte Richter im Berner Oberland bei Interlaken halt, um hier den Ausblick auf die Gipfel von Mönch, Jungfrau und Silberhorn festzuhalten. Zurück im Dresdener Atelier waren es eben jene Skizzen, die ihm als Vorlage für sein großformatiges Gemälde „Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal (Auszug der Sennen)“ dienten.

Die romantische Landschaftsmalerei

Rund 115 Jahre lang war Richters 1827 vollendetes Werk verschollen. Erst 2009 konnte es durch glückliche Fügung wiedergefunden werden. Eine weitere überraschende Entdeckung sollte bald folgen: Die kürzlich angefertigte Infrarotreflektografie machte Bleistiftlinien sichtbar, die sonst von Malschichten verdeckt sind. Diese Unterzeichnungen verraten, dass Ludwig Richter die Figuren ursprünglich anders geplant hatte. Ihre Haltung und Verteilung in der Bildfläche zeigen im Detail Ähnlichkeiten mit einer Zeichnung seines Freundes Julius Schnorr von Carolsfeld (1794–1872). Das von Richter hoch geschätzte Blatt mit Schnorrs Widmung ist bis heute erhalten und bildet eines der Exponate in der Regensburger Ausstellung.

Schon seit seiner Jugend hatte sich Ludwig Richter auf Landschaftsmotive konzentriert. Die Natur studierte er am liebsten bei seinen Wanderungen. Geprägt hat ihn zunächst sein Vater, der ihn bereits früh unterrichtete. Carl August Richter war Professor für Landschaftsmalerei an der Dresdner Kunstakademie – seine Stelle sollte Ludwig später übernehmen.

Julius Schnorr von Carolsfeld beschäftigte sich hingegen mit Figurenszenen. Er wählte insbesondere religiöse Themen, die damals im Umkreis der sogenannten Nazarener zum Ausganspunkt für einen erneuerten Kunstbegriff wurden: Man wollte sich von den Vorbildern der klassischen Antike loslösen und „Herz, Seele und Empfindungen“ zum Ausdruck bringen. Die so gesinnten deutschen Maler fanden sich in einer Künstlerkolonie in Rom zusammen. Hier lernten sich 1825 auch Richter und Schnorr von Carolsfeld kennen, hier erhielt ersterer von dem zweiten wichtige Anregungen für die Staffagefiguren in den Landschaftsszenen.

Eine Künstlerfreundschaft

Zwischen den beiden entwickelte sich ein bemerkenswerter Dialog – aus kunsthistorischer Sicht ein besonderes Phänomen. 200 Jahre zuvor arbeiteten nicht selten spezialisierte Maler gemeinsam an einem Bild, zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist das jedoch ein Ausnahmefall. So ist das Zusammenwirken des Landschaftsmalers und des Figurenspezialisten vor allem im Zeichen des romantischen Freundschaftskults zu sehen.

Die Regensburger Ausstellung spürt dem langjährigen Austausch zwischen Richter und Schnorr von Carolsfeld nach. Wie Puzzleteile fügen sich die Exponate zu einem Gesamtbild zusammen: Im Mittelpunkt steht der „Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal (Auszug der Sennen)“ und dessen Infrarotreflektografie, eine Aufnahme im gleichen Maßstab. Im Vergleich mit der besagten Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld lässt sich unter den verworfenen Figuren vor allem ein markanter Hirte, der nach oben blickt und sich auf den Stock stützt, erkennen. Ein weiteres Gemälde Richters, das „Tal bei Amalfi mit Ausblick auf den Meerbusen von Salerno“, 1826 in Rom entstanden, zeigt hingegen Schnorrs Figuren eins zu eins. Weitere Zeichnungen und Drucke von Richter sowie seine persönlichen Erinnerungen und Werke seines Bruders Willibald ergänzen den Einblick in die Entstehungsgeschichte der außergewöhnlichen Alpenlandschaft.

  • Ludwig Richter: Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal (Auszug der Sennen), 1827, Öl auf Leinwand, Leihgabe aus Privatbesitz, Kunstforum Ostdeutsche Galerie.

    Ludwig Richter: Frühlingsmorgen im Lauterbrunner Tal (Auszug der Sennen), 1827, Öl auf Leinwand, Leihgabe aus Privatbesitz, Kunstforum Ostdeutsche Galerie.

    Foto: Wolfram Schmidt, Regensburg

  • Julius Schnorr von Carolsfeld: Italienische Landleute, 1826, Feder und Pinsel in Braun, LÜBECKER MUSEEN, Museum Behnhaus Drägerhaus.

    Julius Schnorr von Carolsfeld: Italienische Landleute, 1826, Feder und Pinsel in Braun, LÜBECKER MUSEEN, Museum Behnhaus Drägerhaus.

    Foto: Michael Haydn, Lübeck

    Begleitprogramm

    Ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm begleitet die Ausstellung. Die Eröffnung findet in Form einer Matinee am Sonntag, 17. März um 11 Uhr statt. Begleitend wird ein Kinderprogramm angeboten.

    Dr. Agnes Tieze stellt die Präsentation in einer Serie von Kurzführungen vor. Die erste findet unter dem Titel „Mittagspause im Museum“ am 27. März um 13 Uhr statt, weitere folgen am 17. April, 8. Mai, 22. Mai und 5. Juni. Zu jeder Eintrittskarte gibt es einen Ermäßigungsgutschein vom Cafe unter den Linden.

    Am Donnerstag, 9. Mai um 19 Uhr hält der Historiker Maximilian Wagner den Vortrag „Wie im unendlichen Luftmeer schwebend“. In Anlehnung an das Motiv des Gemäldes führt er darin in die Thematik der Berge und des Bergsteigens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein.

    „Eine Künstlerfreundschaft, die unter die (Mal-)Haut geht“ lautet der Titel der Expertenführung mit Dr. Jan Nicolaisen vom Museum der bildenden Künste Leipzig, die sich mit den Unterzeichnungen in Richters Gemälden allgemein und speziell bei „Tal bei Amalfi“ beschäftigt. Diese findet am Donnerstag, 16. Mai um 19 Uhr statt.

    Die zweite Expertenführung gibt Prof. Ivo Mohrmann von der Hochschule für Bildende Künste Dresden am Sonntag, 2. Juni um 14 Uhr. Auf den Spezialisten für die Strahlenuntersuchung von Kunstwerken gehen die gemäldetechnologischen Untersuchungen des Regensburger Richter-Bildes zurück. In seinem Beitrag „Mit meiner Arbeit hab ich Sorg und Müh…“ erläutert er die zeichnerische Vorbereitung von Ludwig Richters Gemälden.

    Der letzte Ausstellungstag ist Sonntag, 23. Juni.

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