{"id":504,"date":"2026-09-26T12:09:18","date_gmt":"2026-09-26T10:09:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.regensburger-stadtzeitung.de\/?p=504"},"modified":"2026-09-26T12:09:22","modified_gmt":"2026-09-26T10:09:22","slug":"feldahorn-in-stadtamhof-ein-100-jahre-alter-baum-wird-zum-symbol-fuer-regensburgs-zielkonflikt-zwischen-wohnraum-und-stadtgruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.regensburger-stadtzeitung.de\/index.php\/feldahorn-in-stadtamhof-ein-100-jahre-alter-baum-wird-zum-symbol-fuer-regensburgs-zielkonflikt-zwischen-wohnraum-und-stadtgruen\/","title":{"rendered":"Feldahorn in Stadtamhof: Ein 100 Jahre alter Baum wird zum Symbol f\u00fcr Regensburgs Zielkonflikt zwischen Wohnraum und Stadtgr\u00fcn"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein knapp hundertj\u00e4hriger Feldahorn in einem Innenhof in Stadtamhof soll rund 20 Neubauwohnungen weichen. Ein Nachbar klagt dagegen \u2013 unterst\u00fctzt von Bund Naturschutz und Greenpeace Regensburg. Der Fall zeigt exemplarisch, wie schwer sich Kommunen tun, wenn Wohnungsnot auf Klimaschutz trifft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">REGENSBURG: In einem Innenhof in der Gerhardinger\u00adstra\u00dfe im Regensburger Stadtteil Stadtamhof steht er, kaum zu \u00fcbersehen: ein alter Feldahorn mit breitem Stamm und ausladender Krone, der gleich mehreren umliegenden Geb\u00e4uden Schatten spendet. Anwohner berichten, dass es in ihren Wohnungen selbst im Hochsommer dank des Baumes ertr\u00e4glich k\u00fchl bleibt. Schon im kommenden Jahr k\u00f6nnte davon nur noch ein Erinnerungsvideo \u00fcbrig sein \u2013 der Baum soll einem Neubauprojekt mit rund 20 Wohnungen weichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Naturschauspiel, das verschwinden k\u00f6nnte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Anwohner Richard Schottenloher ist der Feldahorn weit mehr als nur ein Baum. Immer wieder filmt er mit dem Handy, wie in der D\u00e4mmerung Hunderte Flederm\u00e4use aus der Krone ausschw\u00e4rmen \u2013 ein Naturschauspiel, das er als \u201ejedes Mal aufs Neue faszinierend&#8220; beschreibt. \u201eDer geh\u00f6rt zu Stadtamhof dazu, der geh\u00f6rt zu unserer Wohngegend dazu. Der ist jetzt seit 100 Jahren da, ist eine Art Naturdenkmal&#8220;, sagt Schottenloher. Er f\u00fcrchtet, dass durch eine enge Bebauung ein regelrechter Hitzekessel entstehen k\u00f6nnte \u2013 und dass mit dem Baum nicht nur Schatten, sondern auch Lebensraum f\u00fcr Insekten und Flederm\u00e4use verloren geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gutachten stuft Baum als \u201ewenig erhaltenswert&#8220; ein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders als es der augenscheinlich vitale Zustand des Baumes vermuten l\u00e4sst, existiert bereits ein im Februar 2025 erstelltes Sachverst\u00e4ndigengutachten, das den Feldahorn wegen diverser Sch\u00e4digungen als \u201ewenig erhaltenswert&#8220; einstuft. Dieses Gutachten war f\u00fcr das st\u00e4dtische Umweltamt ma\u00dfgeblich, einer F\u00e4llung grunds\u00e4tzlich zuzustimmen. Die mit dem Fall befasste Gr\u00fcnen-Stadtr\u00e4tin Maria Simon best\u00e4tigte die Seriosit\u00e4t des Gutachtens \u2013 merkte aber zugleich an: \u201eDa besteht rechtlich keine Handhabe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzende Raimund Schoberer h\u00e4lt das Gutachten zwar ebenfalls f\u00fcr fundiert, mahnt aber zur Vorsicht bei dessen Prognosen: \u201eWenn da zum Beispiel steht, dass der Baum nur noch 20 Jahre Restlebenszeit haben soll \u2013 wer will denn das so genau vorhersehen? B\u00e4ume sind wahre \u00dcberlebensk\u00fcnstler.&#8220; Selbst zunehmende Totholz-Anteile w\u00fcrden den \u00f6kologischen Wert des Baumes nicht schm\u00e4lern, sondern im Gegenteil sogar erh\u00f6hen, so Schoberer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Klage als letzter Ausweg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Dienstag reichte Schottenloher gemeinsam mit seiner Frau beim Amtsgericht Klage ein \u2013 gerichtet gegen den bereits am 27. April im Amtsblatt der Stadt ver\u00f6ffentlichten Vorbescheid f\u00fcr das Neubauprojekt: zwei drei- bis viergeschossige Geb\u00e4udeteile mit Tiefgarage. Zwar hei\u00dft es im Amtsblatt, die endg\u00fcltige Entscheidung \u00fcber den Baum falle erst im eigentlichen Baugenehmigungsverfahren \u2013 als politisch entschieden gilt sein Schicksal in Fachkreisen dennoch l\u00e4ngst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schottenloher selbst betont, die Klage sei kein Akt der Konfrontation. Er habe bereits Kontakt zum Bautr\u00e4ger gesucht, um etwa die Option zu besprechen, den Baum zu stutzen und zu versetzen. Eine denkbare rechtliche Strategie liegt im Artenschutz: Das Gutachten klammert mangels Nachweis gesch\u00fctzter Arten diesen Aspekt bislang aus \u2013 ein Punkt, an dem Bund Naturschutz und Greenpeace Regensburg ansetzen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bauunternehmen verweist auf Bayerische Bauordnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf BR-Anfrage erkl\u00e4rte das beauftragte Bauunternehmen, man halte sich an s\u00e4mtliche Vorgaben der Bayerischen Bauordnung. Die Bauweise \u2013 eine Schlie\u00dfung der Baul\u00fccke im Quartier \u2013 gehe zudem auf eine Empfehlung des st\u00e4dtischen Gestaltungsbeirats zur\u00fcck, der die Stadt bei st\u00e4dtebaulich bedeutsamen Projekten ber\u00e4t. In den unmittelbar angrenzenden Nachbargeb\u00e4uden seien bereits \u201eweit mehr als 30 Wohnungen&#8220; untergebracht. Die Klage der Anwohner, so das Unternehmen, drohe den \u201edringend ben\u00f6tigten Wohnraum&#8220; in Regensburg zu verz\u00f6gern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eEigentumsrecht schl\u00e4gt Baumrecht&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grunds\u00e4tzlich liegt die Entscheidung \u00fcber das Schicksal eines Baumes beim Grundst\u00fcckseigent\u00fcmer \u2013 auch wenn zuvor eine F\u00e4llgenehmigung eingeholt werden muss. \u201eEigentumsrecht schl\u00e4gt Baumrecht&#8220;, bringt es Helene Sigloch, zweite B\u00fcrgermeisterin der Stadt Regensburg (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen), auf den Punkt. Ihr sei der dringende Bedarf an Wohnraum bewusst; im Gespr\u00e4ch mit Bauherren versuche die Stadt dennoch stets, Kompromisse zu finden, um B\u00e4ume zu erhalten und notfalls um sie herumzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gelinge aber nicht immer, r\u00e4umt Sigloch ein. Sie w\u00fcnsche sich grunds\u00e4tzlich mehr rechtliche M\u00f6glichkeiten, um alte B\u00e4ume besser sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Gerade in einer der hei\u00dfesten St\u00e4dte Bayerns seien gro\u00dfe, alte B\u00e4ume f\u00fcr das Stadtklima praktisch unersetzlich: \u201eWir merken auch, wie schwer das ist, kleine B\u00e4ume so hochzup\u00e4ppeln, dass sie \u00fcberhaupt erst so gro\u00df werden.&#8220; Ihre Forderung geht sogar \u00fcber die kommunale Ebene hinaus: Klimaschutz solle im Grundgesetz verankert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein Pr\u00e4zedenzfall macht Hoffnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Hoffnungsschimmer dient den Baum-Bef\u00fcrwortern ein aktuelles Urteil des Amtsgerichts Regensburg. Zwar ging es in dem Verfahren um eine gut 60 Jahre alte, gesch\u00fctzte Stieleiche am Rennweg im Regensburger Stadtwesten \u2013 und vordergr\u00fcndig um die Frage, wem der Baum \u00fcberhaupt geh\u00f6rt. Bemerkenswert ist jedoch die Urteilsbegr\u00fcndung: Das Gericht hob ausdr\u00fccklich hervor, dass gro\u00dfe, alte B\u00e4ume einen unverzichtbaren Beitrag zum Stadtklima leisten und als nat\u00fcrlicher Hitzeschutz zugleich dem Gesundheitsschutz der Bev\u00f6lkerung dienen \u2013 ein Aspekt, der bei beh\u00f6rdlichen F\u00e4llentscheidungen k\u00fcnftig st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcsse. Das Gericht kritisierte zudem, dass die kleinklimatische Wirkung des Baumes bei der beh\u00f6rdlichen F\u00e4llgenehmigung nicht ausreichend gew\u00fcrdigt worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rechtskr\u00e4ftig ist das Urteil allerdings nicht: Die Stadt hat inzwischen Berufung eingelegt. Ob sich die dortige Argumentation auf den Fall des Stadtamhofer Feldahorns \u00fcbertragen l\u00e4sst, ist juristisch offen \u2013 f\u00fcr Schottenloher und die Umweltverb\u00e4nde ist das Urteil dennoch ein ermutigendes Signal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zwischen zwei berechtigten Interessen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fall des Feldahorns verdichtet einen Konflikt, der weit \u00fcber Stadtamhof hinausweist: Wie viel Stadtgr\u00fcn darf und muss eine wachsende Stadt opfern, um dringend ben\u00f6tigten Wohnraum zu schaffen? Schottenlohers eigener Kompromissvorschlag bringt das Dilemma auf den Punkt: \u201eEs w\u00e4ren ein paar Wohnungen weniger, aber wir h\u00e4tten eine Luftschneise, die da durchgeht und keinen Hitzestau \u2013 das w\u00e4re nur von Vorteil.&#8220; Ob sich Gericht, Stadt und Bauherr am Ende auf einen solchen Mittelweg einigen, ist derzeit offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bild: Greenpeace Regensburg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein knapp hundertj\u00e4hriger Feldahorn in einem Innenhof in Stadtamhof soll rund 20 Neubauwohnungen weichen. 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