Mein Leben für den SSV

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"Der Jahn von unten" Teil 1: Patrick Heindl (27), Hans-Jakob-Tribüne

Der erste tiefe Liebesbeweis endete für Patrick Heindl mit einer herben Enttäuschung.  Am 23. Mai 2004 fuhr der damals 14-Jährige Hunderte von Kilometern, nur um seinen SSV Jahn Regensburg in Cottbus mit 0 : 3 verlieren und anschließend absteigen zu sehen. Doch echte Liebe heißt auch leiden, echte Liebe heißt nichts bereuen. Und bereut hat der Neuprüller seine Liebe für den Jahn Regensburg nie. Für den SSV bringt er immer wieder Opfer. Der 27-jährige Schulbegleiter ist Rot-Weiß bis tief unter die Haut.

„Danke Papa, dass du mich mit ins Stadion genommen hast!“ Dieser Fanspruch gilt auch für Patrick Heindl. Als Zehnjähriger durfte er mit seinem Papa immer wieder mit ins einzig wahre Jahnstadion an der Prüfeninger Straße, hat kurz danach den Aufstieg von der Regionalliga in die Zweite Bundesliga miterleben dürfen, wo den „Rothosen“ eine schicksalsträchtige Saison bevorstehen sollte. Denn nach einem 2:1-Sensationssieg über den 1. FC Nürnberg holte der SSV aus sieben Spielen nur noch drei Punkte. Ein einziger Sieg mehr hätte gereicht. Doch es kam anders: „Null-drei Osnabrück, eins-eins Oberhausen, eins-drei Ahlen, eins-eins KSC, null-zwei Burghausen, null-null Mainz und dann Cottbus“, kann Patrick die Stationen des Abstiegdramas von vor dreizehn Jahren auswendig herunterrattern.
Solche Daten hat der Mann mit dem Vollbart parat wie Mathefreaks das große Einmaleins oder die dreistelligen Primzahlen. Er kennt praktisch jedes Ergebnis der letzten Jahre, kann die Entstehung der einzelnen Tore im Detail erzählen. Fußball, das ist sein Leben. Seine Position: die Hans-Jakob-Tribüne, Block S2. S wie Stehplatz. Klar, denn „echte Fans stehen. Sitzen ist was für Eventfans.“

Fünf, sechs Halbe bis zum Schlusspfiff

Ein solcher ist der gelernte Altenpfleger auf gar keinen Fall. Er steht dort, wo die Ultras ihre Mannschaft lautstark anfeuern, ist selbst aber keiner von ihnen („Die machen zwar oft gute Stimmung, sind aber manchmal auch nur so etwas wie Unterhaltungsprogramm und singen auch mal unpassende Lieder“). Doch auch für ihn gilt: Hardcore heißt die Devise. Bedeutet im Klartext: „Bei Heimspielen treffen wir uns so um zehn.“ Anpfiff ist in der 3. Liga um 14 Uhr. Was macht man bis zum Anpfiff? „Ratschen, sich austauschen, ein paar Bier trinken.“ An die Vormittagshalben hat er sich längst gewöhnt. „Bis du heimkommst, hast du halt deine fünf, sechs Bier.“
Das gilt aber nur für die Heimspiele. Denn auf langen Zugfahrten können es schon mal mehr werden. Patrick ist Auswärtsfahrer. Mit dem Deutschlandticket für 35 Euro begleitet er seine große Liebe zu Partien in ganz Deutschland, nimmt dafür Regionalzüge, Bimmelbahnen und mehrfaches Umsteigen in Kauf. In der abgelaufenen Saison war er unter anderem bei den Spielen in Paderborn und Duisburg. „Das heißt eben dann um vier Uhr morgens aufstehen und ab.“ Doch diese Strapazen haben sich wenigstens gelohnt: Beim SCP gab es einen 2:0-Sieg, beim MSV startete der Jahn mit einem 1:1 einen Schlussspurt, der zu Relegation und Aufstieg führen sollte.
Patrick war auch schon in Kultstätten wie dem Grünwalder, in Köln, auf St. Pauli und natürlich beim ewigen Feindbild Wacker Burghausen im Stadion. Null Berührungsängste gab es mit den berüchtigten und als brutale Schläger verschrienen Anhängern von Dynamo Dresden. „Da sind wir vor dem Spiel hin, hatten auf der Fahrt schon was getrunken. Die waren auch gut drauf, und wir haben uns völlig normal über Fußball unterhalten.“ Und zusammen noch eins gekippt.

Blaumachen für Rot-Weiß

So manche Spielansetzung ließ sich früher mit Patricks Arbeitszeiten als Altenpfleger nicht vereinbaren. „Da habe ich schon mal blaumachen müssen.“ Seit er als Schulbegleiter arbeitet, ist das besser: Am Wochenende wird nicht unterrichtet.
Sieben Trikots hat der Mann in seinem Kleiderschrank hängen, darunter das neueste mit der Netto-Werbung („das Knallgelb stört irgendwie“) und sein ältestes mit dem „Vatro“-Aufdruck („sah aus wie das Nationaltrikot von Dänemark“). Am liebsten hat er aber das weiße mit dem „Händlmaier“-Schriftzug. „Das ist Regensburg. Das hat gepasst.“
Zum Jahn gepasst hat auch das alte Stadion viel besser. „Das hatte Flair, das war Fußball, einfach schöner. Aber ich glaube, wenn du ein gestandener Zweitligist werden willst, dann brauchst du so ein Stadion wie das neue. Schade, aber das ist wohl so.“

Kein Verständnis: Die Freundin kennt die Spieler nicht

Zeit für eine Freundin hat Patrick im Moment nicht. Die letzte, die er hatte, war nicht so sehr mit dem Jahn verbandelt wie er. „Sie wusste, dass ich zum Fußball gehe, wollte auch mit.“ Dass sie nicht alle Jahn-Spieler kannte, hätte er ja noch ertragen. „Aber sie kannte ja selbst bei Bayern München nur zwei oder drei, die absoluten Superstars. Sie war auch eher ein Eventfan, das kann ich einfach nicht verstehen.“ Irgendwann hat es dann auch nicht mehr hingehauen.
In der neuen Saison will er jedes Heimspiel im Stadion sehen, bei den Auswärtsfahrten freut er sich vor allem auf den legendären Betzenberg in Kaiserslautern, auf die Alte Försterei von Union Berlin, auf das Max-Morlock-Stadion in Nürnberg und auf ein Wiedersehen auf St. Pauli. „Dort könnte man ja vielleicht noch einen Tag dranhängen und den HSV spielen sehen, wenn sich das ausgeht.“

Jedes Jahr ein Tausender für den Jahn

Auf jeden Fall soll das achte Trikot her, die Investition ist eingeplant. Sie wird natürlich nicht die einzige Ausgabe sein, die sich Patrick für den SSV leistet. Mit Tickets, Bier, Bratwurst, Auswärtsfahrten und Sky-Abo („für die Auswärtsspiele, die ich nicht im Stadion sehe“) kommt der Jahn-Fan wohl auf einen Tausender, den er pro Saison für seinen Lieblingsverein lockermacht.
Nein, diese Liebe bereut er nicht. „Ich habe schon so viel mitgemacht mit diesem Verein, die ganzen Abstiege. Den Strom konnten wir nicht zahlen, es gab nur kalte Duschen für die Spieler, der Verein wurde heruntergewirtschaftet, als Werbegag war zwischendurch mal Mario Basler Trainer, ein Witz. Und trotzdem sind wir immer wieder aufgestanden.“
Was wünscht er sich für die gerade angelaufene Saison? „Dass wir uns nicht wieder so blöd anstellen wie schon so oft in der Liga.“ Damit seine Liebesbeweise nicht wieder so tragisch enden wie beim allerersten Mal. (ssm)

Bilder

1. Bild: Mein Verein, mein Trikot, mein Wohnzimmer: Patrick Heindl ist durch und druch Jahnfan.

2. Bild: Nur auf der Hans-Jakob-Tribüne ist Patrick bei einem Heimspiel zu finden. Alle anderen Plätze gehören den Gäste- oder Eventfans, meint er.

3. Bild: Bei der Aufstiegsfeier am Haidplatz war Patrick selbstverständlich mittendrin - hier mit Abwehrspieler Ali Odabas.

  • gepostet am: Dienstag, 01. August 2017

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