Rückblick: Bayerische Theatertage in Regensburg

Rückblick: Bayerische Theatertage in Regensburg

Vom 28. Mai bis zum 10. Juni herrschte Ausnahmestimmung am Regensburger Theater: Zur 34. Auflage der Bayerischen Theatertage waren alle renommierten Bühnenhäuser des Freistaats nach Regensburg gereist, um im Zeitraum von knapp zwei Wochen insgesamt 55 Inszenierungen auf die Bühne zu bringen. Vier davon haben wir für eine rückblickende Betrachtung ausgewählt.

 

Am Hang (Turmtheater Regensburg)
Fr, 03.06.,  Turmtheater
14 Foto Alba Falchi TheatertageAbgründe tun sich auf. Schwerer Psychostoff versteckt sich hinter der anfangs heiteren Plauderei zweier Urlauber auf der Sonnenterrasse eines Hotels im Tessin. Gespielt ist das spannend wie ein Krimi. Man rätselt als Zuschauer immer wieder über die Zusammenhänge, die scheinbar manchmal klar sind und dann doch wieder verschwimmen. Kern des Stoffs ist, dass der Scheidungsanwalt Clarin, der jüngere der beiden, seine lockere Sicht bezüglich Affären dem älteren Loos ganz zutraulich erzählt, der allerdings eine völlig entgegengesetzte Ethik vertritt. Loos fängt innerlich langsam zu kochen an, da er erkennt, dass eine flüchtige ehemalige Liebesbeziehung Clarins, Valerie, identisch mit seiner Frau Bettina ist, die ihn vor einem Jahr verlassen hat und die er nachträglich in einer versponnenen Weise glorifiziert. Dabei ersetzt er auch die tatsächlichen Ereignisse durch eine ihm genehme Version. Richtig klar wird das alles dem Zuschauer erst am Schluss, als eine Freundin Valeries/Bettinas auftaucht und Clarin einige Details offenbart. Auch die kryptischen Andeutungen von Loos fangen dann plötzlich an, Sinn zu machen. Irgendwie erwartet man zunehmend ein düsteres, vielleicht sogar blutiges Ende. Dennoch endet das Stück unspektakulär, indem Loos einfach abgereist ist,  die Zuschauer bleiben nachdenklich zurück. Eine klasse Leistung der Schauspieler! (jm)

The House (Theater Regensburg)
Fr, 03.06, Velodrom
15 The HouseFür „The House“ ließ sich Yuki Mori, künstlerischer Leiter der Tanzabteilung des Theaters Regensburg, unter anderem von Klassikern des Gruselkinos inspirieren. Insbesondere die Filme Alfred Hitchcocks hätten demnach Pate für das Tanzstück gestanden. Tatsächlich erinnert das Stück aber weniger an die minimalistisch gearteten Thriller eines Alfred Hitchcock als an diverse zeitgenössische Horror-Filme, die Plot- und Inszenierungsschwächen hinter Effekthascherei und gespenstisch anmutender Kostümierung zu verbergen suchen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Hitchcocks Auffassung von Kino, die von seinen Darstellern ein möglichst reduziertes und natürliches Spiel verlangte, naturgemäß kaum weniger mit einer tänzerischen Aufführung gemein haben könnte. Das Stück, das seine Premiere schon im Oktober letzten Jahres – passenderweise an Halloween –  feierte und im Rahmen der Theatertage zum letzten Mal aufgeführt wurde, scheitert also gewissermaßen an seinen eigenen Vorsätzen. Dass die zu Musik von unter anderem Beethoven, Mozart, Chopin, aber auch dem Hollywood-Komponisten James Newton Howard dargebotenen Tanzchoreographien trotz dessen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, liegt nicht zuletzt an den überzeugenden Darbietungen der Schauspieler und einem surreal-schaurigen Bühnenbild. (tg)

Glück – Le Bonheur (Komödie im Bayerischen Hof)
So, 05.06., Theater am Bismarckplatz
16 Glueck-Le Bonheur Loredana La Rocca 06gJa, das ist nun mal so: Auch jenseits der 50 ziehen sich die Geschlechter an und nicht zu knapp. So auch bei Alexandre (Peter Bongartz), in Scheidung lebend, drei Kinder, der in einer Bar die flippige, auch nicht mehr ganz junge Louise (Barbara Wussow) trifft und morgens dann in Ihrer Wohnung aufwacht. Diese verhindert seine Absicht, sich schnurstracks wieder aus dem Staub zu machen, indem sie einfach absperrt. Tatsächlich zieht Alexandre einige Zeit später bei Louise ein, hilft ihr, ihren Job bei einem Verlag zu retten, schließlich heiraten sie auch. Am Ende stellt sich heraus, dass Alexandre Louise permanent betrogen hat – mit seiner geschiedenen Frau, die nun  prompt das vierte Kind erwartet. Louise sieht das pragmatisch und keinen großen Unterschied darin,  ob ihr Mann nun drei oder vier Kinder besucht. Sie will ganz einfach, dass Alexandre bei ihr glücklich ist. Alexandre taumelt eigentlich dauernd zwischen Beziehungsproblemen, Telefondauerstress wegen seines Lokals und dem eigenen Anspruch, die Situation irgendwie im Griff zu haben, ist aber letztendlich nie Herr der Lage. Immer wieder zieht sich die Frage durch das Stück, was Glück wirklich ist, und wie schwierig es ist, sich darüber klar zu werden.  Mit viel Situationswitz garniert und gut gespielt.  (jm)

Der Held der westlichen Welt (Stadttheater Fürth)
Mo, 06.06., Theater am Bismarckplatz
17 helddwwAls ein fremder, junger Mann, der sichtbar durch den Wind ist, in einem Wirtshaus davon berichtet, seinen eigenen Vater ermordet zu haben, stilisieren ihn die Bewohner eines Dorfes an der nordwestlichen Küste Nordirlands zu einem nie zuvor gesehenen Helden hoch. John Millington Syngs „Der Held der westlichen Welt“ sorgte bei seiner Uraufführung 1907 für einen waschechten Theaterskandal, da sich irische Nationalisten durch die ihrer Ansicht nach klischeehafte Darstellung ihrer Landsmänner verunglimpft sahen. Ganz so viel Zündstoff bot die Inszenierung des Fürther Stadttheaters nicht: Obwohl das Ensemble durch die Bank überzeugte, wollte der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen. Das mag an der stellenweise hölzernen Übersetzung liegen, bei der so manches vom sprachlichen Humor des Originaltextes auf der Strecke blieb, vielleicht aber auch daran, dass sich Tobias Sosinka bei seiner Inszenierung offenbar nicht so recht festlegen wollte, ob man sich nun konkret an die Anfang des 19. Jahrhunderts spielende Vorlage zu halten oder das Stück in die Gegenwart zu übertragen habe. Die geblümten Gummistiefel und Plastik-Einkaufstäschchen, mit denen die Figur der Witwe Quin die Bühne betrat, jedenfalls wollten sich nicht wirklich organisch in das Setting des Stücks einfügen. (tg)

Fotos:
„Am Hang“: Alba Falchi; „The House“: Bettina Stöß; „Glück - Le Bonheur“: Loredana La Rocca; „Der Held der westlichen Welt“: Thomas Langer

  • gepostet am: Mittwoch, 06. Juli 2016

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